Ein Tag

auf der Promenade in Side

 

– Eine wahre Geschichte,

von den Dialogen einmal abgesehen – 

 

 Auf der Promenade in Side (türkische Riviera) wimmelt es nur so von Katzen, verwilderte Katzen wohlgemerkt, die sich ihren Lebensunterhalt durch Einschleimen bei zumeist älteren und zumeist weiblichen Touristen verdienen. Das funktioniert so gut, dass diese Spezies hier eine traumhafte Geburtenrate verzeichnen kann. 

   Aber es gibt auch Hunde. Wir haben drei kennengelernt. Der erste, ein brauner Mischling mit kurzem glatten Fell, etwas kleiner als ein Retriever und sehr drahtig. Seinen Kopf ziert ein weißer Fleck und ein schwarz-roter. Während der erste natürlichen Ursprungs ist, stammt letzter offenbar aus einer früheren Rauferei. Es ist eine nicht ganz verheilte Wunde. Sein Kumpel ist etwa von gleicher Statur aber schwarz mit leicht gekräuseltem, ebenfalls kurzem Fell. Auch er hat offenbar eine Blessur davongetragen, denn er zieht sein vorderes linkes Bein nach. Und er trägt, im Gegensatz zu seinem Kumpel, kein Halsband. Das besagt jedoch nichts, denn auch die Hunde sind offensichtlich halb verwildert.

   Diese beiden stromern unablässig die Promenade entlang, während der dritte im Bunde, dessen entfernter Vorfahre ein deutscher Schäferhund gewesen sein muss, seiner Lieblings-beschäftigung, der „Siesta“ frönt. Er ruht sich überwiegend vom Nichtstun aus und scheint das Temperament zweier Valium-Tabletten zu haben.

 

   Stellt euch vor, ihr hießet „Dr. Doolittle“ und könntet dem zu Folge die Hundesprache verstehen. Dann würdet ihr folgenden Dialog vernehmen können:

 

   "Hey, Kumpel! Haste Lust auf Katzenjagd?"

 

  "Ey Alter, haste welche gesehen!"

 

   "Claro! Dahinten auf der Promenade schleimen sich zwei bei den ollen Touristen ein. Streichen immer um deren Beine und kriegen dann tatsächlich von den Leuten den Bauch vollgeschlagen. Und die kleine schwarz-weiße dahinten, die zieht ´ne ganz linke Tour ab. Immer, wenn Touris in der Nähe sind, tut sie so, als sei sie Invalide, und zieht ihr linkes Bein nach. Macht einen auf Mitleid. Ich glaub', die brauchen dringend Bewegung, sonst werden die noch fetter."

 

   "Komm Alter! Auf geht's! Wir scheuchen sie auf die Bäume!" 

    Auf dem Weg entlang der Promenade treffen sie ihren dritten Kumpel, der faul in der Sonne herumliegt und quatschen ihn an:

 

   "Ey, du fauler Sack! Komm' auf die Pfoten! Wir wollen Katzen jagen!"

 

   "Ne, keine Lust, nach zwei Tagen Regen endlich Sonne. Will mir das Fell wärmen!"

 

   "Los! Los! Du brauchst Bewegung! Und glotz‘ nich‘ immer so neidisch zu den Türken, die frischen Orangen- und Granatapfelsaft pressen und an die Touris verhökern. Der schmeckt dir sowieso nich‘. Wir bieten frisch gepressten Katzensaft!"

 

"Na guut, ich mach mit!" Er erhebt sich ausgesprochen langsam, reckt sich erst einmal und folgt dann seinem beiden Kumpanen.

Heia Safari! Dann geht es richtig los! Die kleine schwarz-weiße schert sich nicht mehr um ihre gelbe Binde mit den drei schwarzen Punkten und hechtet mit Riesensätzen auf die nächstgelegene Palme. Die drei Jäger sind erst zufrieden, als sämtliche 152 Katzen entlang der Promenade in den Bäumen hocken. 

   Zwei bis drei Minuten verbringen sie dann pro forma an jedem Baum und springen mit lautem Gebell immer wieder am Stamm hoch, um den Katzen deutlich zu machen, wer hier Herr auf der Promenade ist. Dann hauen sie zufrieden ihre Pfoten gegeneinander und trollen sich - bis zur nächsten Jagd.

   Und die Katzen, die diese Aktion offenbar als lästiges Intermezzo betrachten, haben in kürzester Zeit wieder ihre alte Position an und zwischen den Beinen der entzückten alten Damen eingenommen.

 

Ulli Kammigan, Januar 2011