Babett und die Pinguine

 

Die aufgehende Sonne strahlt von einem wolkenlosen kanarischen Himmel und ich genieße die Wärme. Vor allem deswegen, weil ich weiß, dass daheim meine lieben Mitmenschen sich in Mäntel hüllen und die Ostereier lieber im Haus suchen statt mit eiskalten Fingern im Garten zwischen kahlen Büschen herumzuwühlen.

Ich mache mich in aller Herrgottsfrühe um acht Uhr morgens auf im Supermarkt fünf Minuten um die Ecke fürs Frühstück einzukaufen. Mein Weg führt mich von unserem Appartement zum Ausgang der Hotelanlage am Pool vorbei. Dort herrscht um diese Zeit geschäftiges Treiben. Diesmal sind es nicht die Amerikaner, deren schlechte Angewohnheiten man übernommen hat, sondern die Deutschen.

Ältere Frauen in Bermudas – nicht nur Deutsche, sondern auch Engländerinnen  – stampfen auf ihren kräftigen Beinen von Liege zu Liege und deponieren dort alles, was geeignet ist, den Besitzanspruch für den Tag anzumelden: Handtücher, T-Shirts, Ersatz-Bikinis oder Armbänder mit Glasperlen zu drei Euro fünfzig von Bijou Brigitte. Jede umfangreiche Dame hat ein ebenso umfangreiches Programm zu erledigen. Zwei Liegen für Oma und Opa, die die ganze Nacht kein Auge zugedrückt hatten, weil »diese Spanier« schon wieder die halbe Nacht palavert und dann auch noch lauthals deutsche Biergartenlieder gegrölt hatten, sie waren dann erst gegen Morgen eingeschlafen und befinden sich daher zurzeit noch im Tiefschlaf, eine für Ehemann Walter, der schon mal zum Frühstück vorgegangen ist, eine natürlich für Babett, das ist sie selbst und zwei für den halbwüchsigen Nachwuchs Chantal und Kevin. Um vorweg zu greifen: Der Nachwuchs erscheint dann auch mit verquollenen Augen gegen drei Uhr nachmittags und schleicht erst einmal zur Pool-Bar, um dort sein Frühstück in Form zweier Hamburger mit Cola einzunehmen. Gegen halbvier lassen sie sich dann erschöpft von der ungewohnten Bewegung auf die Liege fallen und befingern ihr i-phone. Doch schon nach zwei Minuten verkünden sie, dass sie aufs Zimmer gehen wollten, es sei viel zu hell am Pool und man könne auf dem Display nichts erkennen.

 

Als ich fünf Minuten später bepackt mit einem Baguette, nicht für Jeanette und Babette, sondern für Iso und Ulli wieder am Pool vorbeikomme empfängt mich gähnende Leere, kein Mensch weit und breit. Aber alle Liegen sind mit farbigen Tücher und bunten Utensilien kunstvoll verziert.

 

Nach einem ausgiebigen Frühstück entschließen wir uns gegen halbelf ein Stündchen am Pool zu verbringen. Das Bild hat sich total geändert. Etwa fünfzig Prozent der Liegen sind mit eher übergewichtigen Hotelgästen belegt, im Pool lärmen und toben Kinder und sorgen dafür, dass die rote Haut der in der ersten Reihe Liegenden ab und zu von einem Schwall Wasser gekühlt wird. In einer Ecke neben dem Zugang zu den Pooltoiletten sind tatsächlich noch zwei Liegen frei. Wir steuern freudig darauf zu. Unsere Freude trübt sich leider, denn diesen Liegen fehlt etwas Wesentliches: Die Liegefläche. Dort, wo man gern sein Handtuch drapiert hätte, starren uns Löcher entgegen, umrahmt von gebrochenen Plastikteilen.

 

Wir entschließen uns dann doch, an den Strand zu gehen, obwohl es etwas windig ist. Auch hier hat sich eine weitere germanische Kultur durchgesetzt: Die Kultur des freien Körpers, kurz FKK. Leider wird dieses Kulturgut nicht von jungen und hübschen Mädchen und Frauen oder meinetwegen auch von jungen Männern mit Waschbrettbauch gepflegt, sondern hauptsächlich von gewichtigen Herren jenseits der Pensionsgrenze, die wie ein Standbild vor ihrem gemieteten Schirm stehen und deren Waschbrett von vor fünfzig Jahren zu einem Medizinball mutiert ist. Südlich des Medizinballes lugt aus einer gewaltigen Bauchfalte ein Bleistiftstummel-ähnliches Teil hervor, das den Laien-Biologen an den Schnabel eines Königspinguinkükens erinnert, denn diese flugunfähigen Vögel brüten bekanntlich ihre Eier in einer Hautfalte unterhalb des Bauches aus.

Ich bin verwundert. Das Klima wirkt sich auf meinen Körper ganz anders aus. So wachsen zum Beispiel meine Finger- und Fußnägel in der Wärme hier doppelt so schnell wie zu Hause.

 

Erfreulicher ist dann doch der Anblick der jüngeren Damen, die ihre sekundären Geschlechtsmerkmale unter einem Hauch von Stoff, einem String-Tanga verbergen. Ein Anblick, vor dem man nur ungern die Augen verschließt und der einen alle Babetts, Chantals, Kevins und Pinguinküken dieser Welt vergessen lässt.

 

Gegen Abend, wir kommen vom Strand-spaziergang zurück, ist Babett damit beschäftigt, die sechs Liegen von ihrer Dekoration zu befreien. Ich spreche sie an. Es sei doch einfacher, die Sachen für den nächsten Tag liegen zu lassen, dann könne sie sich das Frühaufstehen ersparen. Sie schaut mich mit einem Blick an, als könne ich nicht bis drei zählen und zeigt auf ein Schild, auf dem die Hotelleitung in großen Buchstaben auf Spanisch, Englisch, Französisch, Deutsch und natürlich Russisch darauf hinweist, dass das Reservieren von Pool-Liegen nicht erwünscht sei und blafft mich an:

»Können Sie nicht lesen?«

 © Ulli Kammigan, April 2015