Bundesjugendspiele 1995

 

Alle vier Jahre prallt die sportliche Jugend dieser Welt freiwillig zum edlen und fairen Wettstreit aufeinander und nennt das  Olympische Spiele.

 

Unbemerkt von Öffentlichkeit und Medien prallt jedes Jahr die mehr oder weniger sportliche Schuljugend sowie der überwiegende und vom Sport wenig begeisterte Teil des Lehrkörpers der Julius-Leber-Gesamtschule gegen die geballte Organisationsmacht des recht unbedeutenden restlichen Teils des Kollegiums, nämlich der Sportpädagogen, und nennt dies Bundesjugendspiele. Diese Veranstaltung mit dem Attribut »edel« zu versehen, ist wohl etwas übertrieben, sie als fair zu bezeichnen, nun, darüber kann man sich streiten, und freiwillig, na ja, da habt ihr sicherlich eure eigenen Erfahrungen gemacht.

 

Wie jedes Jahr, so hat sich auch dieses Jahr der sportgestählte Geist weniger aktiver, muskelbepackter, Marathon laufender, vor Gesundheit strotzender Pädagogen und Pädagoginnen gegen den schlaffen, von Kreuzschmerzen geplagten, restlos gestressten, kurz: völlig unsportlichen, aber überwiegenden Teil des Kollegiums durchgesetzt. Bundesjugendspiele sind angesagt.

 

Es ist Donnerstag 10 Uhr. Ich sitze beim Frühstück und bereite mich seelisch auf das große Sportereignis vor. Ich freue mich, muss ich doch erst um 11 Uhr auf dem Sportplatz sein, sozusagen zur zweiten Schicht. Der Gedanke, dass heute Donnerstag ist, ein Tag, an dem ich nur die erste und zweite Stunde habe und zur jetzigen Zeit bereits wieder zu Hause bin, trübt die Freude ein wenig. Aber man soll positiv denken nach dem Motto »mens sana in corpore sano«.

 

Ich lasse mir Zeit und trichtere mir ein: Sei bloß nicht zu früh da, dann kannst du nämlich gleich bei der ersten Schicht auch noch mit einspringen, da sowieso ein Teil der Kollegen nicht erschienen ist. Ich fahre nicht auf die letzte Minute los, sondern noch ein wenig später, und – welch’ ein Ärger – bin pünktlich da. Um diese Zeit ist überhaupt kein Verkehr, so dass ich viel zu zügig durchgekommen bin. Das habe ich dummerweise nicht bedacht.

 

Zufällig gehöre ich zu den wenigen, die wissen, wo sie eingesetzt werden: Beim Kugelstoßen. Gemächlich trödele ich zur Anlage. Sie ist zwischen Büschen versteckt und ich soll alles von den Kollegen der ersten Schicht übernehmen.

 

Auf der Anlage herrscht gähnende Leere. Kein Schüler, geschweige denn ein Lehrer ist zu sehen. Von einem runden Stück Eisen, das irgendwie einer Kugel ähnlich sieht, kann ich nur träumen. Einsamkeit ist angesagt. Ich setze mich auf die einzige Bank und schaue frustriert in die Runde. Da fällt mein Blick auf einen braunen Fleck unter einem Busch, der sich - der Fleck, nicht der Busch - bei näherem Hinsehen als eine rostige Eisenkugel entpuppt. Glücklich klaube ich die Kugel aus dem Laub und trage sie zur Bank. Meine Freude trübt sich etwas, als ich feststelle, dass es sich um eine 3-kg-Kugel handelt. Was ich brauche ist eine 4-kg und eine 5-kg-Kugel, je nach Jahrgang der Schüler. Aber immerhin, ich habe eine Kugel. Das ist doch schon ‘mal ein Anfang.

 

Also mache ich mich auf die Suche nach dem oder den Kollegen, die vor mir beim Kugelstoßen ihren Dienst getan haben. Und tatsächlich, auf dem großen Platz mit der 400-m-Bahn stehen einige Kollegen herum. Doch die Antwort ist immer die gleiche.

»Keine Ahnung, ich bin auch gerade erst gekommen. Aber frag doch mal den Kollegen Herbert W., der harkt gerade beim Weitsprung. Die erste Schicht ist nämlich noch lange nicht fertig, die sind immer noch beim 100-m-Lauf und beim Weitsprung.«

 

Kollege Herbert harkt natürlich nicht, sondern lässt harken und hat deshalb auch Zeit, sich intensiv mit meinem Problem zu beschäftigen.

»Also, wer Kugelstoßen gemacht hat, weiß ich auch nicht, aber frag’ doch ’mal Susanne, die organisiert das Ganze hier. Ich glaub’, sie ist gerade zum Schlagball-Weitwurf gegangen, da soll nämlich ein Engpass sein.

Mensch du Knalltüte, du kannst doch nicht harken, bevor gemessen wurde!« 

Ich bin etwas irritiert, aber dann merke ich, dass mit dem letzten Satz gar nicht ich, sondern der eifrig harkende Schüler Dennis D. gemeint ist. Ich kenne Dennis. Er ist in meinem Mathe-Zweier-Kurs und nach Aussagen seiner Eltern potentieller Nobelpreisträger. Er selber sieht sich zwar eher als Fußballstar in der Bundesliga, und er hat natürlich ein Attest für seine Nichtteilnahme. Deswegen harkt er auch.

Ich trolle mich und lasse Herbert mit seinem Angestelltenproblem allein.

 

Auf dem Grandplatz neben den Umkleideräumen wird eifrig geworfen. Neben der rechten Wurfbahn hüpfen zwei Schüler auf einem Bein herum. An ihren schmerzentstellten Gesichtszügen erkenne ich, dass ich meinem Ziel ein Stück näher gekommen bin. Denn der Schlagball, mit dem ein dritter Schüler gerade auf den rechten Fuß seines Nachbarn zielt, ist etwas zu groß und zu schwer.

Eilends stelle ich meine vermisste zweite Kugel sicher: Auch eine 3-kg-Kugel!

 

Nicht zu finden ist allerdings Susanne, die mir hätte weiterhelfen können.

»Ja, die war hier«, kriege ich zu hören, »jetzt habe ich sogar zwei Schüler bekommen, die die Bälle zurückwerfen. Vorher war ich hier ganz alleine.«

Doch dann versagt meinem Kollegen die Stimme. Er ist restlos heiser, da er seit zwei Stunden die Wurfergebnisse aus dem Feld den Protokoll führenden Schülern oder Lehrern zuruft.

 

Also zurück zum großen Platz. Auf dem Weg verstecke ich die zweite Kugel neben der ersten unter der Bank der Anlage. Erstaunlicherweise ist die erste immer noch da. Aber das liegt wohl daran, dass ich sie eigentlich ja gar nicht gebrauchen kann. Dort läuft mir glücklicherweise Tina über den Weg. Tina, das weiß ich, ist unsere so genannte Sport-Supervisorin, die fast immer Bescheid weiß und sie organisiert den Einsatz der Lehrkräfte. Tina kann mir sogar sagen, wer beim Kugelstoßen gewesen sein sollte: Kollege Hans B.

»Er müsste eigentlich noch hier sein,« sagt sie, »gesehen habe ich ihn schon. Und beim Kugelstoßen war er auch.«

 

Also mache ich mich auf die Suche nach Hans.

Eine große Hilfe dabei sind mir die vielen herumstehenden und auf ihren Einsatz wartenden Kollegen. Einige versichern mir glaubhaft, dass er nie da gewesen sei, weil er Abitur habe und in der Schule sei, einer weiß genau, dass er sich krank gemeldet hat, doch etliche haben ihn schon gesehen, leider an verschiedenen Stellen und das gleichzeitig. Die  Hilfsbereitschaft meiner Kollegen gipfelt in der für mich sehr verwirrenden Aussage von Kollege Peter D., der mir gern geholfen hätte, aber er sei schon gar nicht mehr da, er habe schon vor einer halben Stunde Schluss gehabt. Dass er auf Grund seiner doch beträchtlichen Leibesfülle kaum zu übersehen ist, lässt mich ins Grübeln kommen.

 

Während ich noch über dieses Zeit- und Raumparadoxon nachdenke, renne ich Hans fast um.

»Das war vielleicht ein Chaos,« beklagt sich Hans bei mir, »als wir anfangen wollten, war nicht einmal eine einzige Kugel da. Ich bin dann schnell noch in die Schule gefahren und habe zwei gefunden. So konnten wir nur verspätet anfangen. Die Schüler durften auch nur zweimal stoßen, sonst hätte die Zeit  nicht gereicht.«

Ich unterdrücke die ketzerische Frage, wieso sie dann schon fertig sind, wo doch die anderen sich noch beim Weitsprung und 100m-Lauf aufhalten und mache ihn stattdessen darauf aufmerksam, dass es sich um zwei 3-kg-Kugeln handelt, und dass wohl auch die Schüler des ersten Durchgangs vom Alter her 4 bzw. 5-kg-Kugeln stoßen sollten.

»Ach,« kriege ich die lapidare Antwort, »das kriegen wir schon hin. Das rechnen wir hoch!«

Bevor er mich über diese geheimnisvollen Rechenvorgänge aufklären kann, ist er verschwunden. Er hat ja schließlich auch schon seit einer halben Stunde Schluss.

 

Was mache ich nun? Da ich, obwohl Mathematiker, mit solcher Hochrechnung nicht vertraut bin, wende ich mich in meiner Verzweiflung an Tina, die ich Gott sei Dank bei den Zeitnehmern des gerade anlaufenden Mittelstreckenlaufs finde.

Tina weiß Rat.

»In der Schule sind natürlich noch Kugeln mit dem richtigen Gewicht,« versichert sie mir. »Wenn du solange für mich hier die Zeit nehmen kannst, fahre ich schnell hin und hole sie. Weißt Du, eigentlich sollte ich ja nur alles beaufsichtigen, aber wir haben hier einen Engpass, Kollegen, die Zeit nehmen sollten, sind nicht erschienen. Und so musste ich einspringen.«

 

Ergeben in mein Schicksal lasse ich mir zwei Stoppuhren in die Hand drücken und verfluche meine ungewollte und unverschuldete Pünktlichkeit. Wo bei den Bundesjugend-spielen gibt es eigentlich keinen Engpass?

 

Bei den Zeitnehmern, so stelle ich fest, ist alles ganz anders. Hier ist alles hervorragend organisiert. Jeder weiß genau, welchen Schüler er oder sie stoppen soll.

Der einzige hier anwesende Sportkollege hat alles fest im Griff. Die Schüler bekommen entsprechend ihres Zieleinlaufs kleine Kärtchen mit Nummern, und den Zeitnehmern wird gesagt, welche Positionen sie stoppen. Ich habe die Positionen 8 bis 12 zu stoppen bzw. deren Zeiten anzusagen. Die im Ziel ankommenden Schüler bekommen ihre Kärtchen und auf einer Liste werden die Zeiten und Namen notiert:

Platz 1: 3 Minuten, 43,7 Sekunden,

Platz 2: 3 Minuten, 44,2 Sekunden,

Platz 3: 3 Minuten, 43,8 Sekunden, usw.

 

Während die Kollegin Heidi M., ihres Zeichens Lehrerin für Religion und Deutsch, nicht so recht weiß, was das nun wieder soll, weil ihre Stoppuhr zwei Stellen hinter dem Sekundenkomma anzeigt und belehrt wird, dass das die »Hundertstel seien, die wir nicht berücksichtigen,« wagt es doch tatsächlich eine Schülerin, das offizielle Ergebnis anzuzweifeln. Das mit Platz zwei und drei könne doch nicht stimmen, denn die Zeit von Platz drei mit 3:43,8 sei doch viel besser als die von Platz zwei mit 3:44,2.

Ein zweiter Schüler beklagt sich darüber, dass ein anderer ihm sein Kärtchen weggenommen hat, er hätte mindestens den fünften Platz gehabt. Ein dritter schreit laut dazwischen, dass Arne aus der Parallelklasse einfach ein Kärtchen vom Stapel genommen hat und sich hat eintragen lassen, obwohl er überhaupt nicht gelaufen sei.

Große Verwirrung!

Doch dank der deutlich sichtbaren Autorität des einzig anwesenden Fachkollegen der Abteilung Sport wird alles geregelt.

 

Alle sind zufrieden, besonders Peter aus der 9b, der im Weggehen leise zu seinem Freund sagt, dass er als vierter eingelaufen sei und nun auf dem ersten Platz stehe.

 

Endlich sind die neunten Klassen durch und wir können offiziell mit eineinhalbstündiger Verspätung anfangen. Nur ich nicht, denn meine Kugeln sind noch nicht da.

Doch nach einer weiteren Viertelstunde ist Tina zurück und auch ich kann meinen bescheidenen Beitrag leisten zu diesem großen, ungemein sportlichen und von allen Schülern mit Begeisterung aufgenommenen Wettkampftag. 

 

Ulli Kammigan, 1995