Dave und das Einhörnchen

(1997)

 

Also, was mein Freund Michel ist, der drückte mir einfach Dave aufs Auge. Und das kam so. In den Pfingstferien besuchte ich Brüssel und Michel, denn Michel wohnt dort samt seinem Eheweib, welches so vorzüglich zu kochen versteht, dass ich schon allein aus diesem Grunde Michel keine Bitte abschlagen konnte. Und diese Bitte hieß Dave. Dave, mit Nachnamen Cooper, aber mit Gary Cooper weder verwandt noch verschwägert, ist Engländer und war im Frühjahr einige Monate an Michels Schule (Michel ist nämlich auch Lehrer), um seine Französischkenntnisse aus der gerade abgelaufenen Schulzeit aufzubessern. Außerdem hatte Dave sich schon vorher in den Niederlanden umgesehen, sprach daher einige Worte holländisch, war auf Kosten der Europäischen Union für einige Monate in Italien, wo er begann, Italienisch zu lernen, in Schweden trieb er sich auch ein paar Monate herum, weswegen er neben Französisch und Deutsch auch Schwedisch studieren will. Denn Dave erklärte mir später Folgendes. »Nehmen wir einmal an, ich arbeite später in einer großen englischen Exportfirma, die zum Beispiel in Konkurrenz zu anderen großen englischen Firmen mit deutschen Firmen ins Geschäft kommen will. Was glaubst du wohl“, so fragte er mich, „mit welcher Firma die Deutschen ins Geschäft kommen? Mit der Firma, deren Vertreter selbstverständlich erwarten, dass ihre deutschen Handelspartner englisch sprechen, wie es fast alle Briten voraussetzen, oder mit der Firma, die einen Vertreter nach Deutschland schickt, der auf Deutsch verhandeln kann?«

Ihr seht, Dave ist nicht nur ein außerordentlich umtriebiges, sondern auch ein sehr cleveres Kerlchen. Und wie der aufmerksame Leser schon bemerkt hat, wollte Dave nun auch nach Deutschland, um hier ebenfalls seine, ihm etwas dürftig vorkommenden, schulischen Deutsch-Kenntnisse aufzupolieren. Und wie gesagt, das Essen von Marietta, was Michels Frau ist, war einfach unwiderstehlich.

 

Also tauchte Dave im August bei mir auf und ich brachte ihn an unserer Schule unter. Und Dave stürzte sich mit Feuereifer auf die deutsche Sprache.

Und eines Tages stürzte er auch noch wie ein Besessener an mein großes Wohnzimmerfenster zum Garten hin und deutete nach draußen.

»Was ist das«, rief er völlig außer sich. Ich sah von meinem Buch auf und blickte dahin, wohin sein aufgeregter Finger zeigte.

»Ein Baum«, sagte ich, denn Dave deutete auf die große Birke direkt vor meinem Fenster.

»Ich glaube auf englisch heißt der birch-tree«.

»Nein, nein«, entgegnete Dave, »das weiß ich auch. Ich meine das kleine Tier, das da eben am Baum war und aufs Dach gesprungen ist. Es war braun und das ist völlig ungewöhnlich. Bei uns gibt es die auch, aber sie sind niemals braun, sondern grau!«

 

Mir schwante sogleich, dass ich die Aufgabe hatte, der englischen Zunge das für Ausländer gemeinste aller deutschen Wörter beizubringen, nämlich »Eichhörnchen«. Und fleißig, wie Dave nun einmal war, gelang es ihm auch, das Wort hin und wieder richtig auszusprechen, doch meistens kam dabei ein »Einhörnchen« heraus. Er erzählte mir, dass es früher auch in England braune Einhörnchen gegeben habe, aber eines Tages hätten »Tierfreunde« das graue Einhörnchen verbotenerweise aus Amerika eingeschmuggelt. Und das war dann das Ende aller braunen Einhörnchen in Großbritannien.

 

Am selben Abend verbreitete Dave die seltsame Kunde in England: Er rief seine Mutter an. Ich konnte die Aufregung, die er jenseits des Kanals verbreitete, aus mehreren Metern Entfernung vom Telefon mitverfolgen. Jedenfalls war das Ergebnis der Aufregung im Land der Briten, dass Dave die Order bekam, jenes kleine, braune, buschig-schwänzige Alien  auf die Fotoplatte zu bannen. Und das erwies sich schwieriger, als man annehmen möchte. Ich wusste zwar, dass unser »Einhörnchen« fast täglich mehrere Male die Birke vor dem Wohnzimmerfenster hinaufkletterte, aufs Dach sprang, um über das Dach auf der anderen Seite des Hauses meinen Haselnussbusch zu plündern. Anschließend kam es schwer bepackt mit Nüssen den umgekehrten Weg zurück, verlor einen Teil der Beute und verschwand in die unbekannten Tiefen der Nachbargrundstücke. Später kam es dann zurück, sammelte die verlorenen Haselnüsse ein und vergrub sie im Rasen, wo es sie im kommenden Jahr nicht wieder fand. Unter Eichhörnchen scheint die Alzheimer-Krankheit weit verbreitet zu sein. Tochter Polly-Esther zählte in einem Frühjahr dreiundneunzig junge Haselnusstriebe im Rasen.

 

Aber Dave hatte einfach kein Glück. Zwar gewöhnte sich unser »Einhörnchen« an, beim Hinaufklettern auf die Birke kurz zu verharren und neugierig ins Wohnzimmer zu äugen. Aber sobald Dave mit der Kamera auftauchte, sprang es blitzschnell aufs Dach. Ich bin zwar nicht sicher, aber ich glaubte, jedes Mal gesehen zu haben, dass sich seine Mundwinkel leicht nach oben verzogen haben. Es schien sich über Daves Anstrengungen lustig zu machen.

 

Und Dave gab nicht auf. Eines Sonntags Morgen sah ich hinten im Garten zwischen den Johannisbeeren etwas Weißes leuchten, das stundenlang auf derselben Stelle verharrte. Es war Dave in einem weißen T-Shirt mit seinem Fotoapparat. Nur unser »Einhörnchen« ließ sich nicht blicken, obwohl immer noch Nüsse auf dem Baum vorm Haus waren. Später gestand mir Dave, dass es wohl am weißen T-Shirt gelegen habe, und ich riet ihm, das nächste Mal ein rotbraunes Hemd anzuziehen und sich einen buschigen Schwanz umzubinden. Aber seinen erwidernden Blicken musste ich entnehmen, dass er mich nicht ganz ernst nahm. Nun, wie dem auch sei, alle Anstrengungen Daves waren vergebens. Sein »Einhörnchen« ließ sich nicht mehr blicken.

 

Nun ist Dave abgereist, und ich kann mich daran machen, die restlichen Haselnüsse zu ernten. Und tatsächlich hatte das Davesche Einhorn mir einen ganzen Korb voll Haselnüsse übrig gelassen, -  die sich leider alle als völlig hohl erwiesen.

Irgendwie sind »Einhörnchen« doch ganz schön clever!

Ulli Kammigan, 1997