Die Zeche Ingeborg

oder

Das Weltwissen der Klasse 9

 

Ich muss etwas vorausschicken und meine damaligen Schüler in Schutz nehmen. Die Aufgabenstellung war gemein (Lehrer sind manchmal gemein). Welcher Schüler der heutigen Generation ist jemals in Berührung gekommen mit Begriffen wie Kohleförderung, Untertagebergbau und Zechen? Schüler aus Norddeutschland schon gar nicht. Die Aufgabe ist einem damaligen Mathelehrbuch entnommen und zeigt, wie veraltet und teilweise weltfremd die Lehrbücher waren. Das hat sich heute Gottseidank etwas geändert.

 

Die Zeche Ingeborg oder das Weltwissen der Klasse 9

(November 1996, überarbeitet 2015)

 

Mittwoch, 6. Stunde, Mathematikkurs II, Klassenstufe 9:

Die Schüler, überwiegend des Lesens und Schreibens mächtig, haben sich mit folgendem mathematischen Sachverhalt auseinander zu setzen:

 

Die Zeche »Ingeborg« hat drei Sohlen in der Tiefe von 330 m, 480 m und 830 m. Der Fahrstuhl fährt bei Personenbeförderung mit einer Geschwindigkeit von 1,2 m/s.

a)     Wie lange dauert die Fahrt von den einzelnen Sohlen ans Tageslicht?

b)    Bei Kohleförderung braucht der Fahrstuhl von der dritten Sohle bis ans Tageslicht 39 Sekunden. Berechne seine Geschwindigkeit.

 

Wohl ahnend, dass hier eventuell ein kleines Problem auftreten könnte, erdreiste ich mich, einmal nachzufragen, was denn die »Zeche Ingeborg« sei.

 

Nervenschonendes Schweigen!

 

Schließlich versteigt sich ein offensichtlich biologisch außerordentlich bewandertes Kerlchen zu der Mutmaßung, dass es sich hier um ein kleines Insekt handele, welches üblicherweise Menschen anfällt, um diese mit Hirnhautentzündung zu infizieren. Doch dies ruft bei der ebenfalls biologisch versierten Schülerschaft ein Sturm der Entrüstung hervor.

»Alter! Äh! Bist du blöd! Das ist doch wohl eine Zecke!«, tönte es durch den Raum.

 

Dies ihm wohl vertraute Wort reißt Suleiman, genannt Suli, aus seinem Tiefschlaf, denn auf Grund seiner reichhaltigen Erfahrung im Kampf der Geschlechter kann er bestätigen, dass alle »Zecken«, sein Synonym für Mädchen, blöd seien.

 

Immerhin herrscht jetzt aber Einigkeit, dass man der Lösung des Problems nicht näher gekommen ist.

Marek, möglicherweise erblich vorbelastet, hilft uns aus der Klemme.

»Das ist so eine, die sich immer in den Kneipen herumtreibt und Bier trinkt!«

 

Freude strahlt aus allen Augen. Das ist es denn wohl.

 

Leider muss ich hier energisch eingreifen und zu aller Enttäuschung erklären, dass es zwar den »Zecher« gibt, der in der Kneipe seine »Zeche« nicht bezahlen kann und deshalb »Zechpreller« genannt wird. »Die Zeche« aber sei so etwas wie eine Rechnung, der, soweit mir bekannt sei, noch kein Wirt einen Eigennamen wie Ingeborg verpasst habe.

 

Reza, seines Zeichens vertraut mit der Mundart südlich der Weißwurstgrenze, glaubt zu wissen, dass »Zeche« der Nachname von »Ingeborg« sei, der ja bekanntermaßen von unseren bayrischen Mitbürgern vorangestellt werde, also: »Die Zeche Ingeborg«.

 

Gemein, wie Lehrer nun einmal sind, streue ich Zweifel in die Menge, indem ich auf den Text verweise und das Augenmerk der Schüler auf die Stelle lenke, in der es heißt, dass die Zeche »Ingeborg« drei verschiedene Sohlen habe und einen Fahrstuhl.

 

Jeanette, berufskundig vorgebildet, hat den rettenden Einfall. Und zwar könne es sich hier nur um einen Schuster handeln.

Doch das ruft unseren geschlechterkundigen Suli auf den Plan, der sofort richtig stellt, dass »Ingeborg« ein weiblicher Name sei und es sich folglich um die Frau des Schusters handeln müsse.

 

Wieder sehe ich mich gezwungen, die Euphorie meines Mathe-Kurses zu dämpfen, denn was, bitte schön, hat die Frau des Schusters mit Kohleförderung zu tun.

Gott sei Dank läutet es, sonst wären wir sicherlich wieder im Biergarten gelandet, wo doch hinlänglich bekannt ist, dass es einem »Zechpreller« an der entsprechenden Kohle(-Förderung) mangelt.

So allerdings verhallt mein Einwand ungehört im Getümmel der in die Pause strömenden Schüler. 

 

© Ulli Kammigan, 1996/2015