El condor pasa

- Der kreisende Geier -

 

Es ging pünktlich los vom Flughafen Hamburg mit Condor; das ist die Ferienfliegerversion des Kranichs. Unser Ziel war die kanarische Insel Fuerteventura. Damit einem der Flug nicht so lang wurde, gab es zwischendurch ein kaltes Gummi-Laugenbrötchen belegt mit einem noch kälteren Putenbrustflet umrandet vom Hauch eines welken Salatblattes. Dazu wurden wahlweise Kaffee, Tee, Wasser und/oder Säfte ausgeschenkt. Andernfalls hätte man das Ganze auch nicht vom Mund in den Magen befördern können, da die Kaubewegungen das Volumen der Nahrung im Mund um ein Vielfaches vergrößerte. Es gab natürlich auch Sekt, Wein, Bier und richtiges Essen. Aber das kostete extra.

Nach knapp fünf Stunden kam die kanarische Insel in Sicht und das Flugzeug ging in den Sinkflug über. Es flog eine langgestreckte Rechtskurve, die aber kurz danach in einen Linkskreis überging und Fuerteventura wurde kleiner. Der Sinkflug führte nach oben. Nach einer Viertelstunde ging die Linkskurve wieder in eine rechte über und wir erreichten fast unsere Reiseflughöhe. Alle Fluggäste schauten sich leicht irritiert an.

Dann kam die langersehnte Durchsage des Piloten, der mitteilte, dass die Landebahn auf Fuerteventura etwas zu kurz sei, man flöge schnell mal rüber nach Gran Canaria. Dort sei sie länger.

Was soll das denn, fragten wir uns, wir sind doch nicht das erste Mal mit einer Boeing 757-300 auf Fuerteventura gelandet. Irgendetwas stimmte nicht. Unter den Passagieren verbreitete sich eine leichte Unruhe. Doch der Pilot beruhigte kurz darauf. Man hätte ein kleines Computerproblem mit einer Bremse, deshalb brauche man eine längere Landebahn. Und auf Gran Canaria sei dann auch gleich ein Techniker zur Hand, der das Problem lösen würde.

Nach einer Dreiviertelstunde tauchte Gran Canaria aus dem Dunst auf und das Flugzeug ging in den Sinkflug. Die meisten Passagiere waren sehr still, unser junger Sitznachbar drückte seinen linken Daumen ganz fest in die rechte Handfläche, nur die vielen Kinder lärmten fröhlich weiter. Es war ja Osterferienbeginn in Schleswig-Holstein und Niedersachsen.

Dann kam die Landebahn in Sicht. Es beruhigte uns alle, dass keine Anweisung vom Bordpersonal kam, den Kopf nach vorn zwischen die Arme zu nehmen. So schlimm konnte es also nicht werden. Beruhigend wirkten auch die drei Feuerwehren, die mit Blaulicht die Landebahn säumten. Sicherlich eine nette Geste der Inselverwaltung, vielleicht hatten wir ja auch einen Prominenten an Bord.

Das Flugzeug setzte unsanft auf und rollte aus. Alle waren erleichtert und klatschten, aber Letzteres ist nichts Besonderes, bei Ferienfliegern wird immer geklatscht, egal wie hart die Landung ist.

 Die Feuerwehren stellten ihr Blaulicht ab und fuhren nach Hause.

Dann wurden die Türen geöffnet und es kam frische Luft ins Flugzeug. Aussteigen durfte aber keiner. Nach einer halben Stunde kam der Techniker an Bord – und ging wieder. Der etwas genervte Kapitän gab durch, dass der Mann sein Handbuch vergessen hätte und umgekehrt sei, es zu holen. Um die Zeit zu überbrücken, bedankte sich der Pilot noch einmal ausdrücklich dafür, dass alle Fluggäste so ruhig geblieben seien und bat uns die Plätze wieder einzunehmen sich aber nicht anzuschnallen, denn das Flugzeug müsse betankt werden, und das dürfe eigentlich nicht geschehen, wenn Passagiere an Bord seien. Er wies noch freundlich daraufhin, dass während des Tankvorganges doch bitte keiner rauchen solle. Aber das sollte ein Witz sein. Das Rauchen war im Flugzeug eh verboten.

Nach einer weiteren halben Stunde war der Techniker zurück und las in seinem Handbuch. Das dauerte noch einmal zwei Stunden. Weiterhin durfte keiner das Flugzeug verlassen. Einige, aber erstaunlicherweise nur wenige Kinder quengelten: »Mama, wann geht es endlich weiter?«

Die vielen jungen Eltern an Bord beschäftigten ihre Kleinen mit Ratespielen:

»Ich sehe was, was du nicht siehst und das hat Haare.«

»Sind sie blond?«

»Nein.«

»Schwarz?«

»Nein.«

”Grau?«

»Nein. Aber fast.«

»Weiß?«

»JA!«

»Ist es der Opa in der Reihe hinter dir?«

»Ja, genau!«

Der Opa in der Reihe dahinter war ich!

 

Nach dreieinhalb Stunden erbarmte sich die Crew und ein Müllwagen brachte Getränke und etwas Süßes gegen Unterzuckerung und nahm etliche Säcke Müll gleich mit. Denn inzwischen war alles Essbare ausgegangen, was die Mannschaft den Passagieren verkaufen konnte. Ihr lest richtig! Man musste für alles, außer Wasser bezahlen. Alles Übrige, was kostenlos zu haben war, war ausgegangen.

Dann kam die erlösende Nachricht. Wir werden starten. Lediglich eine Bremse an den acht Rädern sei defekt, aber das sei kein Problem. Das Flugzeug könne auch mit sieben zu bremsenden Rädern sicher landen. So setzten wir eine halbe Stunde später – wieder etwas holperig, aber sicher – auf der Landebahn von Fuerteventura mit einer Verspätung von über vier Stunden auf.

Wir mussten zusehen, wie wir zu unserem Hotel kamen. Ein Kleinbusfahrer, der stundenlang auf seine Passagiere nach Costa Calma gewartet hatte, war bereit, uns beide mitzunehmen und zu unserem Zielort zu bringen. Für 30 Euro. Das war in Ordnung. Ein Taxi hätte mehr als das Dreifache gekostet. Um elf Uhr nachts bekamen wir in Morro Jable bei unserem Lieblingschinesen, der uns freudig begrüßte, sogar noch etwas zu essen und trinken. Er hatte uns wiedererkannt, obwohl wir etwas blass aussahen.

©  Ulli Kammigan, April 2015