Im kleinsten Flächen-Bundesland

 

Besuch im Geburtsland meiner Partnerin, dem kleinsten Flächenbundesland der Bundesrepublik. Familientreffen mit den Brüdern. Das passt gut, denn zu Hause ist der Teufel los. Während bisher gelegentlich mal ein Polizeiauto, Einheimischen als Peterwagen bekannt, durch die Straßen tatütatate, treten diese nur noch in Rudeln auf. Unter zehn mit Blaulicht durch die Häuserschluchten fegenden Mannschaftswagen hintereinander macht es die Polizei nicht mehr. An jeder Ecke stehen mindestens zwei Beamte in schusssicheren Westen, die Maschinengewehre im Anschlag. G20 ist angekündigt.

Also flüchten wir und machen uns auf  in das Bundesland, das so klein ist, dass man es leicht übersieht; auch auf der Anzeige im Helmut-Schmidt-Airport. Am Gate 25 steht in großen Lettern LUXEMBURG. Nur mit einer Lupe ist darunter der Text »via Saarbrücken« zu lesen.

Pünktlich bringt uns ein Bus die fünfzig Meter zu der auf dem Rollfeld wartenden kleinen Maschine, eine Bombardier-Turbo-Prop.

 

Flugzeuge, das wissen wir von unseren häufigen Reisen, haben Namen, besonders bei der Lufthansa. Und LuxAir gehört zur Star Alliance und somit letztlich irgendwie auch zur Lufthansa. Während aber Lufthansamaschinen mit Namen wie Erfurt, Leipzig oder Albert Einstein aufwarten können, heißt unsere Propeller-Maschine »www.finanzinvest.com«. Logisch. Fliegt ja auch nach Luxemburg. Nur das letzte Wort ist falsch geschrieben. Richtig wäre es mit k und doppel m. Also »Finanzinvest komm!« Besser wäre natürlich gewesen »Finanzinvestor komm!«. Aber das hätte wohl nicht hingepasst.

 

Der Start war problemlos, aber wir machen uns Sorgen. Was, wenn der Pilot das Saarland übersieht, weil es doch so klein ist? Oder es gar nicht kennt? Fragen Sie mal einen Engländer, Finnen, Burkina Fasoer oder anderen Weltbürger, ob er wisse, wo das Saarland liege. Die Antwort wird ganz sicher ein »Häh?« sein, natürlich in der jeweiligen Landessprache.

Die Maschine setzt zur Landung an. Unter uns Wald, gelegentlich eine Straße, auch mal ein Haus: Domizil der vom Aussterben bedrohten hier lebenden indigenen Art. Aber die Maschine fliegt viel zu hoch. Hat der Pilot sich vielleicht doch geirrt und vor uns liegt Luxemburg?

Dann stürzt uns eine Landebahn von unten entgegen. Sie beginnt unmittelbar oberhalb eines Steilhanges. Der Pilot geht mächtig in die Eisen, denn auch am Ende der Bahn fällt das Gelände ebenso steil ab. Und wer will da schon hinunterpurzeln, um dann vielleicht doch in Rheinland-Pfalz oder gar Frankreich zu landen?

Auf dem »International Airport Saarbrücken« lässt man es sich nicht nehmen, uns in zwei Minuten mit einem Bus von Flugzeug zum zwanzig Meter entfernten Ankunftsgebäude zu karren. Eine weitere Minute vergeht und wir rennen am Gepäckband unseren Koffern hinterher, die uns in der extrem kurzen Zeit unbemerkt überholt haben müssen.

 

Dann treffen wir auf die ersten Einheimischen. Ich muss gestehen: Die Saarländer sind ein putziges und liebenswertes Völkchen. Egal, ob junges Mädchen, junge oder ältere Frau; es wird allen ein »äs« vorangestellt. Mädchen und Frauen sind »äs Inge« – die Ingeborg, »äs Hannsche« – die Hannelore oder »äs Hildsche« – die Hildegard. Oft lässt man sogar das »ä« weg, das eigentlich ein »e« ist. Also: »’s Hilsche«; das »d« ist natürlich auch unnötig.

 

Die unmittelbare Nähe zu Frankreich – mein Handy begrüßt mich mitten in Ensheim, einem Vorort von Saarbrücken, mit dem Hinweis, dass ab jetzt die Minute neun und die mobilen Daten pro Megabyte fünfundvierzig Cent kosten würden, da ich mich ja nun in Frankreich befände. Also, die unmittelbare Nähe zu Frankreich führt dazu, dass jeden Morgen mein über alles geliebtes Baguette auf dem Tisch liegt. Der Bäcker im nächsten Dorf auf der französischen Seite ist nur fünf Autominuten entfernt.

Die einheimische Verwandtschaft weist mich allerdings darauf hin, dass es auf saarländisch nicht Baguette hieße sondern Flit, vermutlich abgeleitet von dem französischen »flute«.

Ein kleines und kurzes Baguette, so vermute ich daraufhin laut, sei dann wohl ein »Flittchen«.

»Ei wo«, bekomme ich zu hören, »ä Flittsche is waas anners. Äs Rosl von nebbeah, des is ä Flittsche, un was for eens.«

Ulli Kammigan, Juli 2017