Polly-Esther und der Geschmack nach Plastik 

 oder 

»Kinder sind ein Quell der Freude«

 

Polly-Esther, meine 13jährige Tochter, hat Essgewohnheiten, dazu fällt dir nichts mehr ein. Am liebsten isst sie nämlich nur was möglichst nach nichts schmeckt.

 

Habe ich mich doch neulich erdreistet, auf die Fertig-Pizza frische Champignons zu schneiden. Ihr Gesicht hättet ihr sehen sollen!

»Was sind denn das für Champignons?«, kam es zwischen ihren Zähnen heraus, »die haben ja einen ganz grässlichen Pilzgeschmack!« Vorsichtig wagte ich einzuwerfen, dass Champignons üblicherweise zu den Pilzen gezählt werden und daher auch ein bisschen danach schmecken sollten. Doch damit kam ich gar nicht an.

»Sonst schmecken die viel besser! Was hast du bloß mit denen gemacht, oder war etwa ´mal wieder das Verfalldatum abgelaufen?«, machte sie mich empört an und spuckte halbzerkaute Champignons auf ihren Teller.

Tja, was blieb mir übrig? Beim nächsten Mal gab es wieder die taiwanesischen Champignons »first choice« aus der Dose von Aldi zu 39 Pfennig und der Haussegen war vorerst gerettet.

 

Ähnlich ist es mit allen frischen Sachen. Offenbar fehlen ihnen wesentliche Bestandteile wie Konservierungsstoffe, Schaumverhüter, Gluta-mate und andere Geschmacksverstärker, Pektine, modifi- zierte Stärke, links, rechts, vorwärts und rück- wärts drehende Milchsäuren und die verschiedensten Lebensmittelzusätze mit Bezeichnungen wie E602 bis E605. Der Nachgeschmack nach Weißblech, Aluminium, Plastik und Pappe ruft bei meinen Kindern wahre Fressorgien hervor. So werde ich bei Mac D. ein Heidengeld los, wenn ich mich ausnahmsweise dazu habe breitschlagen lassen, mit den Kindern dort einen Nachmittag zu verbringen.

 

Neulich, dachte ich, machst du einen Kompromiss und servierst tief gefrorene Erbsen und Mais zum Sonntagsbraten. den mag Polly immer; sie betrachtet sich selbst als »fleisch- fressende Pflanze«, im Gegensatz zu einigen »verrückten Körnerfressern« im Bekanntenkreis. Ihre Empörung hättest ihr sehen sollen:

»Was soll das denn? Bin ich ein Huhn? Allein die Farbe der Erbsen! Bei so einem giftigen Grün vergeht einem ja der Appetit«, schauderte sie.

Es geht eben nichts über das bräunlich-grüne Aussehen der Dosenerbsen!

 

Ach und letzte Weihnacht:

Ich erinnerte mich an meine Kindheit, da machte meine Oma manchmal zum Fest etwas ganz Besonderes, das sie Zitronen-Fromasch nannte. Heute weiß ich, dass es wohl Zitronen-Fromage heißen muss, aber meine Oma konnte kein Französisch. Und es war auch kein Käse, sondern eine  Art Zitronencreme aus vielen Eiern, Zucker, Saft von echten Zitronen und abgeriebener Zitronenschale – ungespritzt und nicht gewachst – und war enorm zeitaufwendig herzustellen.

 

Mit freudestrahlender Miene kredenzte ich die köstliche Speise am Heiligabend nach dem Hauptessen.

Die Reaktion von Polly traf mich völlig unerwartet: Misstrauisch beäugte sie die tiefgelbe Köstlichkeit in ihrer Glasschale, nippte dann vorsichtig daran und verzog das Gesicht mit der Bemerkung, dass dieses Zeug ganz grässlich nach Zitrone schmecke. Auch Sohnemann, dessen Geschmacksnerven ähnlich gepolt sind, sah das genauso.

Nun, das Fest endete meinerseits mit heftigen Bauchschmerzen wegen der Unmenge an ver-speister Zitronencreme.

 

Zu Ostern gab es übrigens »Paradies-Creme mit Zitrusgeschmack« von »majala«, gekauft bei Penny zu 85 Pfennig, ohne zu kochen und mit einem halben Liter Wasser anzurühren. Die Kinder stürzten sich auf den blassgelben Glibber, und ich kochte mir zum Nachtisch einen Cappuccino. Natürlich aus der Tüte von Aldi, die Kinder hätten den Geruch frisch gemahlenen Kaffees nicht ertragen.

© Ulli Kammigan 1996