Urlaub in der Seniorenresidenz

 

Wir haben beschlossen, Urlaub zu machen: in der Seniorenresidenz »Fuerte Aloevera«. Das war nicht ganz einfach, allein die Anreise verschlang schon viel Zeit. Nach einem fünf-Stunden-Flug stehen wir erwartungsvoll vor der Aufnahme. Mit uns im Flieger aus Hamburg angekommen, wartet vor uns an der Rezeption ein junges Pärchen, das einzige weit und breit im zarten Alter von unter vierzig. Beide haben schwarze Haare und sie den für viele Inderinnen typischen roten Punkt auf der Stirn. Die junge Frau wird auch sofort von einer älteren Dame angesprochen.

»Wo kommen Sie denn her?«, ist die neugierige Frage und die lakonische und wohl etwas genervte, aber korrekte Antwort: »Aus Hamburg.« Die beiden werden das sicher nicht zum ersten Mal gefragt.

Ich feixe mir einen. Doch die ältere Dame lässt nicht locker.

»Ich meine, wo sie geboren sind?«

»Na, in Hamburg.«

Mein Grinsen wird breiter. Die Dame gibt jedoch nicht auf.

»Ich meine, Ihre Eltern. Wo kommen die her? Sie haben doch ausländische Wurzeln?«

Nun kommt endlich die ersehnte Antwort.

»Wir stammen aus Indien. Sieht man das nicht?«

»Doch, ja, natürlich!«, stottert die Dame und zieht sich indigniert zurück. Die junge Frau hat mein Grinsen bemerkt und nun auch noch meinen Daumen, den ich deutlich nach oben halte. Sie lächelt: Ein bezauberndes hamburgisch-indisches Lächeln. Das war allerdings die letzte Begegnung mit dem jungen Pärchen, wir haben es nie wieder gesehen. Die beiden haben sich wohl in der Anlage geirrt.

Nun sind wir dran: Man empfiehlt uns erst einmal einen Tresor zu mieten, denn die älteren Herrschaften klauen wie die Raben. Anschließend wird eines unserer Handgelenke mit einem Plastikband verziert. Vermutlich enthält es einen Sender, der dem Personal anzeigt, wohin wir uns verlaufen haben. Dann beziehen wir unsere »Junior-Suite«. Junior-Suite deshalb, weil wir vom Alter her deutlich unter dem Durchschnitt liegen. Unsere Suite besteht aus zwei Räumen und einem Balkon vor dem Schlafzimmer. Alle drei raumhohen Fenster blicken aufs Meer hinaus.

Nachdem wir uns wohnlich eingerichtet haben, erkunden wir die Anlage. Die gemütliche Bar verströmt die Atmosphäre einer Bahnhofshalle, hell erleuchtet und Durchgangsraum zum Speisesaal. Vor einer Sprossen-Glastür hat sich eine lange Schlange gebildet. Entweder muss es dahinter etwas umsonst geben oder die Firma Apple hat mal wieder ein neues i-Phone angekündigt. Auf Nachfrage erfahren wir, dass es tatsächlich etwas umsonst gibt: das Abendessen. Allerdings erst in einer halben Stunde. Und es ist auch nicht wirklich umsonst. Man hat bereits pauschal dafür bezahlt. Man nennt das AI. Das bedeutet nicht etwa »Amnesty International« sondern »All Inclusive«. Also der Pulk der älteren Herrschaften trippelt nervös herum und wartet auf Einlass. Um Punkt sechs öffnen sich die Pforten und die Meute stürzt sich auf das Buffet, so schnell es die Rollatoren zulassen. Wir haben Zeit und warten, bis der Andrang sich gelegt hat. So gegen halb acht stellen wir erstaunt fest, dass es keinen Grund gegeben hat, das Restaurant so frühzeitig aufzusuchen. Alle Leckereien sind entweder noch reichlich vorhanden, oder aber großzügig nachgefüllt. Während wir also deutlich später, aber immer noch im Lärm der aufgrund von Altersschwerhörigkeit sich anbrüllenden Damen und Herren speisen, drängeln sich die ersten bereits in der Bahnhofshalle und füllen sich mit Alkohol ab. Es wird auch hier laut.

Gegen neun beginnt das Abendprogramm mit der Preisverleihung. Sieger im Bogenschießen wird zum dritten Mal Hans-Peter. Er erhält seine Urkunde und einen verhaltenen Applaus. Fritz-Jürgen ist Meister beim Boule geworden, hat es aber vorgezogen nicht zu erscheinen, trotz mehrmaligen Aufrufes. Er hat, wie mir mein Sitznachbar hinter vorgehaltener Hand zuflüstert, seinen Sieg schon unmittelbar danach mit etlichen Bieren gefeiert und hat es jetzt wohl nicht mehr aus dem Bett geschafft.

 

Dann beginnt die angekündigte Abendveranstaltung. Das Bahnhofslicht wird ausgeschaltet und durch in diversen Farben blinkende Lampen ersetzt. Eine Ein-Mann-Band sorgt für Unterhaltung: Rhythmus und Begleitinstrumente werden elektronisch erzeugt und der Eine-Mann singt dazu Playback. Die Herrschaften stürzen auf die Miniatur-Tanzfläche und markieren ihr Revier, eine etwa einen Quadratmeter große Fläche, die auf keinen Fall verlassen werden darf. Jeder Versuch, sich in eine Tanzrichtung fortzubewegen wird ausgebremst nach dem Motto: ›Was mein Quadratmeter ist, bleibt auch meiner! Den habe ich schließlich bezahlt‹. Die Stimmung schwappt über als die Band sich auf die allseits beliebte Bierzeltmusik verlegt. Fröhlich grölend wird mitgesungen und jeder Versuch der Nichttänzer, mit einem vollen Bierglas an dem Gedränge vor der Musik vorbeizukommen, endet mit einer Bierpfütze und einem leeren Glas auf dem Boden. Im Laufe des Abends tanzt man dann deutlich verhaltener; die Schuhe drohen auf dem Boden festzukleben, was allerdings der Stimmung keinen Abbruch tut.

Diese erreicht ihren Höhepunkt und prompt sticht die Bahnhofsbeleuchtung wieder angenehm in die Augen. Es ist halb elf, das grelle Licht blendet und die Herrschaften haben sich zur Ruhe zu begeben. In kurzer Zeit ist die Halle leer. Doch wer glaubt, das sich alle nun zurückziehen würden, der irrt. So mancher stellt nämlich fest, dass er noch gar nicht so richtig zum Biertrinken gekommen ist, das meiste war ja auf der Tanzfläche gelandet. Und da gibt es ja noch die Poolbar im schummrigen Licht draußen im Zentrum der u-förmig angelegten Residenz. Hier kann man das Versäumte nachholen. Mit Zunahme des Alkoholkonsums nimmt auch die Lautstärke zu und, da sich die Poolbar im akustischen Brennpunkt der gesamten Anlage befindet, können auch diejenigen, die sich vorzeitig in die Schlafgemächer zurückgezogen haben, zumindest passiv an den heftigen Diskussionen über Politik und Frauen und Frauen und Frauen teilnehmen. Ein jeder darf sich auch an den mit zunehmender Lautstärke zunehmend schlüpfrigen Witzen erfreuen und auf die Schenkel unter der Bettdecke klopfen.

Kurz nach Mitternacht gehen dann Ton und Licht aus und man kommt nicht mehr herum, die senile Bettflucht zu beenden. Es kehrt Ruhe ein. Diese währt sogar bis weit über das Frühstück hinaus. Die Herrschaften sitzen am Frühstückstisch und schlürfen mit zittrigen Händen die letzten Tropfen aus der Kaffeetasse. Unruhige Blicke gehen nach draußen, hinüber zur Poolbar. Man wartet nervös auf deren Eröffnung. Die Glocke ertönt und die ersten Halb-Liter-Humpen machen die Runde. Abfüllen ist das Motto des Tages – eigentlich aller Tage.

 

Am frühen Nachmittag singt und tanzt draußen auf einer erhöhten Plattform eine Sambagruppe und übertönt so die, auf ihren bereits vor dem Frühstück reservierten Liegen, bierselig im Chor schnarchenden älteren Herrschaften.

 

Als dann am kommenden Abend Bingo angesagt wird verzichten wir auf das lärmende Abendessen im Residenz-eigenen Restaurant und genießen die wohltuende Ruhe bei unserem schon von früheren Aufenthalten bekannten und beliebten Chinesen ein paar hundert Meter weiter.

 

© Ulli Kammigan, Januar 2017