Wer glaubt, dass Frauen die einzigen sind, die niemals allein auf Toilette gehen, und Quark nur für ein Milchprodukt hält, für das sich nicht einmal die NSA interessiert, der wird hier eines Besseren belehrt.

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Alles Quark

oder

»Three Quarks for Muster Mark«

(James Joyce:Finnegans Wake)

 

Mit James Joyce und einem Marktweib in Freiburg im Breisgau fing alles an. Ohne sie würde die Welt heute anders aussehen, zumindest anders heißen. James Joyce war ein bekannter irischer Schriftsteller; berühmte Werke waren »Ulysses« und »Finnegans Wake«. Selbiger schlenderte eines sonnigen Tages über den Bauernmarkt in Freiburg im Breisgau. Dort sind nämlich die meisten Tage sonnig. Und ebendort hörte er ein Marktweib sein Milchprodukt mit einem Wort anpreisen, das er so seltsam und daher faszinierend fand, dass er es in einem Satz seines Romans »Finnegans Wake« verwendete. Dieses Wort war »Quark« und der Satz lautete: »Three quarks for Muster Mark«.

 

Etwa fünfundzwanzig Jahre später stand ein amerikanischer Physiker vor einem Problem. Der hieß Murray Gell-Mann und hatte entdeckt, dass Herr Rutherford Unrecht hatte. Letzterer war nicht etwa mit Miss Marple verwandt, die ja hauptsächlich von Margaret Rutherford in Filmen verkörpert wurde, sondern er war ebenfalls Physiker, aber ein toter, und der war der Meinung gewesen, dass Atome aus Protonen und Neutronen im Atomkern und Hüllenelektronen bestanden und dies die kleinsten Bausteine aller Materie seien. Bei dem ersten hatte er recht, beim zweiten irrte er sich. Denn Herr Gell-Mann sowie ein Herr Zweig fanden heraus, dass es noch kleinere Teilchen gab, aus denen zum Beispiel die Protonen im Atomkern aufgebaut waren. Ein paar Jahre später wurden sie sogar experimentell nachgewiesen. Mister Murray Gell-Mann war zufällig ein großer Fan von James Joyce, erinnerte sich an den Satz aus Finnegans Wake und nannte diese Teilchen, von denen er damals noch meinte, es müsse drei davon geben, »Quarks«. Das fanden die Wissenschaftler überall auf der Welt ganz in Ordnung, nur die Deutschen konnten sich ein Grinsen nicht verkneifen und meinten, das sei doch alles ein ziemlicher Quark. Am Kernforschungslabor CERN in der Schweiz hatte George Zweig inzwischen unabhängig von Kollege Gell-Mann dasselbe herausgefunden, aber er nannte seine Teilchen »aces«. Dummerweise hatte der einen Boss, der ein bisschen blöd im Kopf war, und verhinderte, dass Zweig seine Erkenntnisse veröffentlichte, weil er dessen »aces« für Quark hielt. Vermutlich war er Deutscher.

 

Nun ging ein Wettrennen um die kleinsten Teile los, das Unsummen verschlang, denn je kleiner und kurzlebiger die Teilchen waren, umso kostspieliger war ihr Nachweis. Den Regierungen zog man Milliarden aus der Tasche, die diese aber gern hergaben, schließlich hatten sie nun eine Entschuldigung dafür, dass beim Politisieren so viel Quark herauskam, natürlich nur bei den anderen. Es war ja sowieso alles Quark(s).

 

Erst einmal fand man zwei unterschiedliche Quarks und der normal denkende Mensch musste meinen: Die spinnen, die Physiker! Denn die wiesen nach, dass die beiden Quarks sich durch ihren »Spin« unterschieden, und das ist ein Drehimpuls. Da denkt doch Otto Normalverbraucher, die spinnen nicht nur, sondern drehen auch durch, die Quarks. Oder vielleicht die Physiker? Doch die meinten das gar nicht so, die hatten nur die Mathematik im Hinterkopf, die mit mathematischen Formeln so einen  Drehimpuls beschrieb. Und Drehungen können natürlich in zwei Richtungen ablaufen, im Uhrzeigersinn und dagegen. Dummerweise war der Spin nur eine mathematische Beschreibung und hatte nicht die Bohne etwas mit Raumrichtungen zu tun, also nannte man sicherheitshalber die beiden Quarks, damit keine falschen Vorstellungen aufkamen, nicht links- oder rechtsdrehend sondern einfach »up« und »down«, das sind ja auch zwei Richtungen, also gab es nun das »up-Quark« und das »down-Quark«. Dann fand man heraus, dass Quarks außerdem äußerst gesellige Teilchen sind und vermutlich weiblich, denn sie treten nie allein auf, genauso wie Frauen nie allein auf Toilette gehen. So bestehen zum Beispiel Protonen, die Bestandteile der Atomkerne, aus zwei up- und einem down-Quark, und die lassen sich nicht einfach trennen, erst recht nicht, wenn sie auf Toilette müssen.

 

Aber es gibt ja noch viel mehr als Protonen, Neutronen und Elektronen. Zum Beispiel die sehr kurzlebigen Mesonen, die bestehen aus einen Quark und einem Antiquark. Also gibt es zu jedem Quark ein Antiquark, die unterscheiden sich nur durch ihre entgegengesetzte elektrische Ladung. Auch fand Gell-Mann heraus, dass es da noch etwas Ähnliches wie Neutronen und  Protonen gab, allerdings sehr Kurzlebiges, dessen Existenz man nicht mit up- und down-Quarks erklären konnte. Das fand er recht seltsam. Also musste es noch ein Quark geben und, weil das in solch seltsamen Teilchen vorkam, nannte er es »strange-Quark« (engl. strange = seltsam). Aber auch dieses musste logischerweise ein Gegenstück haben, denn vom Typ her war es dem down-Quark ähnlich. Das war dann das »charm-Quark«. Seine Existenz wurde 1970 vorausgesagt und schon 1974 in einem Experiment künstlich erzeugt. Das charm-Quark war auch ziemlich leichtgläubig, denn es ließ sich, im Gegensatz zum up-, down- und strange-Quark von den überall herumlaufenden Masseverkäufern, bestimmte Typen vom Stamme der Bosonen, ganz viel Masse andrehen. Es hatte 15- bis 25-mal so viel Masse, wie das up- und down-Quark und über zehnmal so viel wie sein Gegenstück, das strange-Quark.

 

Inzwischen wurstelten die Physiker an immer größeren und leistungsfähigeren Teilchen-beschleunigern herum, wie am DESY (Deutsches Elektronen-Synchroton) in Hamburg, am FermiLab (Fermi National Accelerator Laboratory)  im US-Staat Illinois und am LHC (Large Hadron Collider) des CERN (European Organization for Nuclear Research) in der Nähe von Genf und entdeckten immer mehr Teilchen; einige Witzbolde lästerten, es sei inzwischen zu einem Teilchen-Zoo angewachsen, und bereits 1977 wurde im FermiLab in Illinois das bottom-Quark entdeckt. Einige Romantiker unter den Physikern nannten es auch »beauty-Quark«. Nun fehlte noch das Gegenstück zu diesem Quark und, weil das so furchtbar schwer war, hundertmal so schwer wie das schwere charm-Quark und 86.000mal so schwer wie das up-Quark, und damit fast das Gewicht eines Gold-Atoms hatte, benötigte man einen gewaltigen Energieaufwand. Um den aufzubringen brauchte man 18 Jahre und erst 1995 konnte es im FermiLab in Illinois nachgewiesen werden und bekam den Namen »top« als Gegensatz zu bottom. Auch hier tanzten wieder ein paar Physiker aus der Reihe und gaben ihm den Namen »truth-Quark«.

 

Dann begannen die Quarks doch tatsächlich mit der autonomen Szene zu sympathisieren, die ja bekannt dafür ist, dass sie gern mit Farbbeuteln um sich schmeißt, die gelegentlich als Farbladung auf den Autos oder der Kleidung von Politikern landet. Denn man fand heraus, dass auch Quarks mit solchen Farbladungen herumliefen und, wenn es damals schon die NSA gegeben hätte, wäre das das Ende aller Quark-Forschung gewesen, es sei denn man hätte sich nach Guantanamo begeben, um dort die restlichen internierten Quarks zu untersuchen.

 

Es gab Quarks, die trugen rote Farbladungen: In den USA ganz schlecht, das wären dann Kommunisten-Quarks, andere trugen grün, auch die hätten dort wenig Chancen, soweit ist man in der Neuen Welt noch nicht. Nur die blauen hätte man anerkannt, denn die amerikanische Öffentlichkeit dreht regelmäßig durch, wenn irgendein Mitglied der blaublütigen englischen Königsfamilie sich herablässt, dort aufzuschlagen.

 

Die Quarks schienen offenbar die US-amerikanische Hysterie vorausgesehen zu haben, denn sie hatten eine Tarnung entwickelt: Wenn sich nämlich drei Quarks mit je einem dieser drei Farben zusammentaten, dann wurde das daraus entstehende Objekt farblos und die NSA hätte in die Beschleunigerröhre geguckt.

 

Doch mit den Farbladungen war es so wie mit dem Spin, die hatten überhaupt nichts mit den uns bekannten Farben zu tun, man hat den verschiedenen Ladungen, die Quarks nun einmal mit sich herumschleppten, einfach Namen gegeben. Entsprechend trugen die Antiquarks natürlich die Farbladung antirot, antigrün und antiblau, wie immer das aussieht.

 

Nun hatte man also sechs Quarks, leichte und schwerere Elektronen, dazu passende Neutrinos sowie jeweils deren Antiteilchen als Grundbausteine der Materie und dann noch all die Typen, die dafür verantwortlich waren, dass die Quarktorte nicht auseinanderfiel, die hießen Bosonen, das bekannteste Boson war das Gluon, das, wie der Name schon sagt (engl. to glue = kleben), den Kernkuchenteig aus Protonen und Neutronen zusammenkleistert. Fehlten nur noch die Teilchen, die dafür zu sorgen hatten, dass die Quarks überhaupt Masse besaßen, und dann noch so unterschiedliche. Die waren zwar überall als Handelsvertreter für Masse unterwegs aber nur schwer anzutreffen, weil sie mordsschnell und sehr kurzlebig waren. Ihre Lebenserwartung betrug gerade einmal 10 hoch minus 22 Sekunden, das sind 0,000 000 000 000 000 000 000 1 Sekunden, und  das ist nicht gerade lang. Im August 2012 und März 2013 lagen Ergebnisse am CERN vor, die mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit die Existenz dieser rührigen Handelsvertreter für Masse mit Namen Higgs-Bosonen belegten.

 

Doch es ging weiter, es gab immer noch Lücken in der Theorie, und die hatten mit der Gravitation und dem theoretisch postulierten Graviton zu tun. Da aber auch der verknöchertste Physiker hin und wieder aus seinem Elfenbeinturm herabsteigen und sich unters Volk mischen will, marschierte man geschlossen in die nächste Badeanstalt, denn dort kann man dem Volk am besten aufs Maul und dem weiblichen Teil auf den Hintern schauen. Die Physiker sahen dann all die jungen Frauen, oben ohne und unten superknapp, machten große Augen, rannten erschreckt zurück in ihren Turm und entwickelten sofort die »String-Theorie«. Aber auch hier tanzten wieder ein paar mutige Physiker aus der Reihe, – das scheint bei denen Methode zu sein, und baggerten erst einmal eine der Schönheiten an, und wollten ihren Namen wissen. Daraufhin erweiterten diese dann die String-Theorie zur Theorie der »Supersymmetrien«, und die hieß dann natürlich »SUSY«.

 

Beide Theorien könnten möglicherweise einmal die Verbindung zu der postulierten Existenz des Gravitons herstellen, zumal sie ja weiblichen Ursprungs sind, und schon Goethe bekanntermaßen in seinem »Faust« am Ende schrieb: »Das ewig Weibliche zieht uns hinan.«

 

Ulli Kammigan, November 2013