Der Knall im All 

(Higgs-Bosonen und andere Marketender)

 

Anlass für diese Geschichte war die Verleihung des Nobelpreises 2013 für Physik an den Engländer Peter Higgs

 

Für alle, die nicht nur Silvesterknaller kennen, sondern auch schon einmal etwas vom Urknall gehört haben und wissen wollen, was Elvis Presley damit zu tun hat.

 

So alle paar hundert Milliarden Jahre knallt es im Nichts. Das ist nichts Besonderes. Plötzlich ist ein Punkt da, der ist irre heiß und irre dicht und irre klein. Genaugenommen ist er Nullkomma unendlich viele Nullen Zentimeter groß, dafür aber unendlich heiß und unendlich dicht. Das soll vorkommen.

 

In der ersten millionstel Sekunde dehnte der Punkt sich mächtig aus und es entstanden sowohl Teilchen als auch Antiteilchen. Die waren in der gleichen Anzahl vorhanden und wenn ein Teilchen auf ein Antiteilchen traf, was irgendwann notgedrungen geschah, dann löschten die sich gegenseitig aus und die ganze Herrlichkeit verschwand wieder im »Off«. Nichts mehr da! Kein Raum, keine Zeit und kein Punkt.

 

Doch dann geschah vor etwa 13,8 Milliarden Jahren etwas Dramatisches. Es war gerade einmal wieder so ein Punkt dabei sich auszudehnen, als ebenfalls aus dem „Off“ ein Typ erschien, der sich das Ganze ansah, sehr verwundert war und dann den Fehler machte, ganz spontan mit seinem Finger auf so ein Antiteilchen zu tippen und zu fragen: »Wer bist du denn?«

 

Das hätte er tunlichst lassen sollen, denn das ganze ordentliche System geriet nun in Unordnung. Das Antiteilchen wurde so aus seiner Bahn geworfen, dass es nicht mehr in der Lage war, später auf ein Teilchen zu treffen, mit dem es sich wieder auslöschen konnte. Es beging aus lauter Verzweiflung Selbstmord, indem es sich einfach ganz allein auslöschte. Nun war auf einmal ein Teilchen mehr da als Antiteilchen, man nannte das »spontane Symmetriebrechung«, und es setzte eine Kettenreaktion ein. Es gab immer mehr Teilchen als Antiteilchen und daraus entstand die Materie, die immer weiter abkühlte und sich zu Galaxien, Sonnen und Planeten verdichtete. Der Typ mit seinem vorwitzigen Finger erschrak so sehr über das, was er da angerichtet hatte, dass er schleunigst wieder im »Off« verschwand und nie wieder gesehen wurde. Es gab zwar immer wieder ein paar Leute, die glaubten ihn gesehen zu haben und ihn Allah,  Jahwe oder Gott nannten, aber das ist so wie mit Elvis Presley, es gibt immer ein paar Verrückte, die ihn angeblich lebend angetroffen haben.

 

Dann traten die ersten Händler und Marktschreier auf, die sausten überall herum und machten jedes Teilchen an, ob es nicht Interesse an ein bisschen Masse hätte, denn davon hätten sie gerade einen Sonderposten anzubieten. Die hießen Higgs-Bosonen, und ihr Job bestand darin, den Leutchen Masse wie Sauerbier anzubieten. Manche, wie zum Beispiel bestimmte Typen von Elektronen, die ließen sich jede Menge Masse aufschwatzen, wurden richtig schwer, so schwer, dass die normalen Elektronen nichts mehr mit ihnen zu tun haben wollten. Die übergewichtigen Elektronen nannten sich dann Myonen (siehe auch »Neutrinos aus Lateinamerika«) und da ja bekannt ist, dass Übergewicht die Lebenserwartung verkürzt, betrug diese bei ihnen nur noch 2,2 Millionstel Sekunden. So geht es einem, wenn man zu gierig ist.

 

Andere wiederum wurden von den Higgs-Bosonen ziemlich ignoriert und gingen leer aus, dazu gehörten die Photonen und Gluonen, die ziemlich masselos, die ersten überall, die letzten im Atomkern zwischen Protonen und Neutronen klebrig herumhingen und sie zusammenhielten.

 

Also, die Higgs-Bosonen waren recht eigenwillig und nervig, denn den einen hingen sie solange am Rockzipfel, bis die ihnen jede Menge Masse abnahm, andere konnten betteln so lange sie wollten, sie bekamen einfach nichts. Es waren richtig gottverdammte Teilchen, und so beschrieb sie dann auch 1993 ein Nobelpreisträger namens Lederman. Sein geldgieriger Verleger, ein bisschen blöd in der Birne, ließ dann im Buchtitel das »verdammt« einfach weg und seitdem wird das Higgs-Boson von ebenso alles nachplappernden Journalisten, wie die der Bild-Zeitung, als »Gottesteilchen« bezeichnet, wobei es allerdings eine kleine Minderheit unter ihnen gibt, die glauben, dass das Higgs-Boson ein Teilchen mit großer Oberweite und ständigem Schluckauf sei. Aber die schreiben es dann fälschlicherweise: »Hicks-Bosom«. 

 

Ulli Kammigan, Oktober 2013