Neutrinos aus Südamerika

Warum manche fürchten, immer den letzten Bus zu verpassen

  

 

   Für einen Beobachter, der sich im Verhältnis zu einem sich sehr schnell bewegenden Objekt nur wenig oder gar nicht bewegt, vergeht die Zeit des Objektes deutlich langsamer als seine eigene. Das nennt man Zeitdilatation und ist nur schwer zu verstehen. Vielleicht hilft zum Verständnis die folgende Begebenheit, die bereits im Jahre 1940 stattfand:

 

   Da gibt es kleine, subatomare Teilchen. Nennen wir sie einmal Neutrinos. Tatsächlich heißen sie Myonen, sind aber entfernte Verwandte der Neutrinos. Und Neutrinos klingen irgendwie menschlicher. Vor allem deswegen, weil sie vom Namen her leicht zu verwechseln sind mit den Bewohnern von Latein-Amerika, den Latinos. Genau genommen kann man die Neutrinos nicht verwechseln, weil es ja Neutral-Amerika nicht gibt, und sie sind auch deutlich kleiner, obwohl die meisten Latinos auch nicht gerade groß sind. Also, die Neutrinos, die eigentlich Myonen heißen, haben eine Lebenserwartung von genau zweikommazwei Mikrosekunden. Nicht mehr und nicht weniger. Da nützt es ihnen überhaupt nichts, gesund zu leben, nicht zu rauchen, viel Sex zu haben oder Alkohol-Abstinenzler zu sein. Sie leben exakt zweikommazwei  Mikrosekunden. Das ist so sicher wie die Tatsache, dass die Erde so etwas Ähnliches wie eine Kugel ist. Zweikommazwei Mikrosekunden sind natürlich nicht sehr lang, eine Mikrosekunde ist der millionste Teil einer Sekunde.

 

   Dann haben sie es auch sehr eilig, sie glauben nämlich, dass sie immer kurz davor sind, den letzten Bus zu verpassen. Sie flitzen nahezu mit Lichtgeschwindigkeit durch die Gegend und müssen ständig aufpassen, dass sie sich nicht selbst überholen.

 

   Und nun kommt der superschlaue Forscher, zieht nicht nur sein Physik-Diplom aus der Tasche, sondern auch seine Taschenuhr an der silbernen Kette aus seinem Jackett und misst die Zeit, während der das Teilchen vorbeiflitzt und fröhlich vor sich hin lebt. Dann putzt er seine dicken Brillengläser, weil er denkt, er habe nicht richtig hingeguckt, denn seine Uhr zeigt an, dass das Teilchen genau dreiunddreißig Mikrosekunden Party gefeiert hat und dabei sehr lebendig war. Wie kann das sein? Ist die Erde also doch eine Scheibe?

 

   Nein, sagt das Teilchen und hebt belehrend seinen Zeigefinger. Während ich hier hinter dem Bus herlaufe, sitzt du nämlich fett und bräsig auf deinem Sofa und bewegst deinen Hintern nicht ein Stück von der Stelle. Ich habe tatsächlich nur zweikommazwei Mikrosekunden den Bus von hinten gesehen, dann war er weg und ich auch. Aber weil du dich, im Gegensatz zu mir, so gut wie gar nicht bewegt hast, beobachtest du von deinem Sofa aus, dass sich die Zeit für mich mächtig gedehnt hat, genau um das Fünfzehnfache, aber nur von deinem Standpunkt aus. Der alte Herr Einstein hat das in seiner »speziellen Relativitätstheorie« beschrieben, und weil du deine Taschenuhr ja regelmäßig aufziehst, ist das, was man mit »Zeitdilatation« bezeichnet, keine Theorie mehr, sondern wissenschaftlich nachgewiesen. Womit du beruhigt nach Latein-Amerika segeln kannst, ohne am Rand von der Scheibe zu fallen.

Ulli Kammigan, Januar 2013