NEUE LESEPROBE!

Auszug aus dem 9. Kapitel: »Militär«

 

Was geschehen ist:

Der Protagonist und seine Partnerin haben drei amerikanische Astronauten gerettet, deren Shuttle auf dem Weg zur ISS verunglückt war und sie dem sicheren Tod ausgesetzt hätte. Sie können mit Selena, der künstlichen Intelligenz des Raumschiffes einer unbekannten Zivilisation kommunizieren, das sie in Besitz genommen haben, genauer: von dem sie in Besitz genommen wurden.

 

»Meine Herren, Ich hoffe, Sie haben sich gut ausgeruht. Wir werden in etwa zwei Stunden in Ihren Raumfahrtzentrum landen. Sie können dort das Raumschiff verlassen und werden ihre Anzüge mitnehmen. Ich werde Sie dann nach draußen führen.«

Damit beenden wir den Kontakt, schalten unsere Tarnung ab und beobachten die Reaktion der Bodenstation.

Es ist, als ob wir in einen Ameisenhaufen gestochen hätten. Die gleichförmige Routine im Kontrollzentrum weicht schlagartig einer unglaublichen Hektik, als die Meldung durchkommt, dass ein unbe­kanntes Flugobjekt von einem Beobachtungssatelliten geortet worden ist. Als man unsere Flugbahn berechnet und als wahrscheinliches Ziel die Bodenstation ausgemacht hat, ist das Chaos perfekt.

Wir haben natürlich unsere Geschwindigkeit erheblich gedrosselt und nähern uns im Schneckentempo. Doch was für das Schiff Schneckentempo ist, lässt die Flugingenieure im Kontrollzentrum den Atem anhalten. Nach ihren Berechnungen müssten wir in der Atmosphäre verglühen. Doch dem Material und dem Schutzschirm unseres Schiffes macht die Reibungshitze nicht das Geringste aus. Im Gegenteil, das Schiff nimmt die Reibungsenergie vollständig auf und speichert sie für eigene Zwecke.

Sehr bald hat man uns als das Objekt erkannt, das die drei Raumfahrer aufgenommen hat.

 

Selena nimmt beim Näherkommen das gesamte Kontrollzentrum sowie seine nähere Umgebung ins Visier. Sie berichtet, dass in aller Hektik militärische Verbände um das Zentrum zusammengezogen werden und in Kürze das ganze Gelände von einem Ring aus schweren Armeehub­schraubern umkreist wird. Überall auf dem Boden rennt bewaffnetes Militär durcheinander.

»Was machen wir, wenn sie auf uns schießen?«, fragt Nadine besorgt.

»Wir haben einen Schutzschirm, den sie nicht so ohne weiteres durchbrechen können«, beruhige ich sie. »Außerdem hauen wir dann sofort ab und setzen die drei Astronauten irgendwo aus. Die müssen dann sehen, wie sie zu ihren Leuten kommen.

Aber auf jeden Fall solltest du eine Betäubungswaffe mitnehmen, wenn du die drei nach draußen begleitest.«

Wir haben so etwas an Bord. Es sind kleine handliche Strahler, die Lebewesen bis auf eine Entfernung von etwa 20 Metern für einige Zeit betäuben. Töten können die Strahler nicht. Sollten die da unten allerdings in Schutzanzügen mit Atemgeräten auftauchen, so sehen wir ziemlich alt aus. Aber das werden wir ja sehen. Wir können dann immer noch reagieren.

Also achten wir bei der Landung verstärkt auf Militär in Schutzanzügen. 

Wir haben Glück. Das Landegebiet ist zwar hermetisch abgeriegelt, aber wir sehen keine Schutzanzüge.

 

Selena ist dabei, die Frequenz ausfindig zu machen, auf der das Militär untereinander in Verbindung steht. Es vergeht keine Minute, dann können wir sämtliche militärischen Gespräche und Anweisungen verfolgen. Wir haben auch die Stelle ausgemacht, an der sich die Befehlshaber befinden. Offensichtlich haben Raumfahrttechniker und Wissenschaftler im Augenblick nichts mehr zu sagen. Die ganze Sache ist vom Militär übernommen worden. Uns ist nicht ganz wohl dabei, wissen wir doch, dass das Konfliktpotential beim Militär um ein Vielfaches höher ist, als bei Zivilisten.

Es ist jedoch die strikte Anweisung herausgegeben worden, auf keinen Fall zu schießen. Die Soldaten haben den Befehl erhalten, abzuwarten.

Selena meldet, dass man dabei ist, schweres Geschütz heranzugefahren, doch die brauchen noch etwa 20 Minuten bis sie einsatzbereit sind.

Ebenso sind von den umliegenden Basen mit Raketen bestückte Flugzeuge gestartet, aber auch die dürften erst in einiger Zeit bei uns sein.

 

Während die drei Astronauten sich in Nadines Beisein auf den Ausstieg vorbereiten, lande ich in einem von Hubschraubern und Soldaten freigelassenen Kreis von 500 Metern Durchmesser.

Sie halten respektvoll Abstand.

Dann wird das Schiff von hellen Scheinwerfern angestrahlt.

Ich werfe einen Blick auf den Monitor vom Kommandozentrum. Der befehlshabende Offizier starrt nach draußen auf das Schiff und mahnt seine Leute zur Ruhe. Ihm stehen Schweißperlen in seinem bulligen Gesicht. Er befindet sich in einer Situation, auf die er offenbar nicht vorbereitet ist. Ich hoffe nur, dass er oder seine Leute nicht durchdrehen.

Dann schweben Nadine und die drei Astronauten auf den Boden unter dem Schiff. Nadine hat einen Gürtel mit dem Betäubungsstrahler um ihre Hüften geschnallt und geht vor den drei Männern, die schwer an den jetzt nicht mehr benötigten Anzügen, Sauerstofflaschen und Helmen tragen. Die Gruppe bleibt stehen.

Ich blicke auf den Monitor, auf dem die Befehlshaber zu sehen sind, wie sie die Gruppe mit ihren Feldstechern beobachten. Nadines Auftreten hat die von uns erwartete Wirkung. Beim Anblick ihrer nicht zu übersehenden weiblichen Formen in ihrem engen Raumanzug entspannt sich das bisher verkrampfte Gesicht des Oberbefehlshabers. Die normale menschliche Reaktion, nämlich, dass man auf Frauen nicht schießt, zeigt ihre Wirkung. In seinem Gesicht kämpft offene Bewunderung mit militärischer Härte, die solche Bewunderung nicht zulassen darf.

Immerhin ist die Situation erst einmal entschärft.

Aus dem Ring der umgebenden Menschen löst sich eine Gruppe von fünf Leuten und schreitet langsam auf Nadine und ihre drei Begleiter zu. Ich lasse den Monitor dicht heranzoomen.

Gott sei Dank, es sind Zivilisten.

Selena gibt durch, dass allerdings zwei von ihnen bewaffnet sind. Offenbar Sicherheitsleute. Kurz vor Nadine bleiben sie stehen. Nadine erkennt an dem Verhalten der Männer sofort, wer der Ranghöchste ist, macht drei Schritte auf ihn zu und streckt ihm die Hand entgegen. Etwas verlegen und nervös wegen ihres provozierenden Anblicks, reicht er ihr ebenfalls die Hand, räuspert sich ein paar Mal und stellt sich vor.

»Ich bin Niclas Brown, der Leiter dieses Raumfahrtzentrums. Diese beiden Herren neben mir sind Regierungsbeauftragte. Seien Sie herzlich willkommen auf der Erde. Wir wissen nicht, wie wir Ihnen für die Rettung unserer Jungs danken können. Ich weiß auch nicht, ob Sie mich verstehen können. Jedenfalls würden wir uns freuen, wenn Sie unser Gast sein würden.«

Er macht eine Geste zu den Gebäuden hin, die seine Worte unterstreichen soll.

 

In der Zwischenzeit haben die Soldaten einen engeren Kreis um das Schiff und die Gruppe gezogen. Insbesondere haben sich einige von ihnen zwischen der Gruppe und dem Schiff aufgebaut.

Das gefällt mir gar nicht. Man will wohl der Einladung Nachdruck verleihen und, wenn möglich verhindern, dass die Fremde wieder in ihrem Schiff verschwindet, bevor man sich näher mit ihr befassen kann. Nur so lassen sich die Befehle der Militärführer interpretieren.

 

Dann ertönt plötzlich ein Schrei und eine Person läuft aus dem Dunkel von der Seite auf die Gruppe zu. Nadine erschrickt und dreht sich zu der Person hin. Dabei erkennt sie aus den Augenwinkeln, dass ihr der Rückweg zum Schiff durch Soldaten versperrt ist.

Einer der Soldaten verkennt offenbar völlig die Situation, hebt gegen den ausdrücklichen Befehl seiner Vorgesetzten die Waffe und schießt.

Weder er noch die meisten anderen in seiner unmittelbaren Nähe postierten Soldaten sehen, dass es sich bei der Person, die auf die Gruppe im Scheinwerferlicht zuläuft, um die Ehefrau von Lammert handelt, die es nicht mehr ausgehalten hat, und endlich ihren schon tot geglaubten Mann in die Arme schließen will.

Nadine wird von dem Schuss umgerissen. Auf dem Boden liegend reißt sie ihren Strahler hoch und feuert beim Aufstehen auf die Soldaten, die ihr den Rückweg zum Raumschiff versperren. Ein paar kippen bewusstlos um. Dann läuft sie los.

Obwohl keiner den Befehl zum Schießen erhalten hat, entwickelt die Situation eine Eigendynamik. Mehrere Soldaten feuern Salven auf das laufende Mädchen ab. Sie wirbelt getroffen durch die Luft, knallt hin, steht wieder auf, wird erneut getroffen, wobei die Wucht der Geschosse ihr die Gelenke verdrehen und den Helm gewaltig hin und her schlagen lassen. Dann stürzt sie wieder zu Boden und bleibt regungslos liegen.

Ich bin sekundenlang unfähig irgendetwas zu tun. Um meine Brust krampft sich alles zusammen. Ich habe das Gefühl, als würde mir jemand das Herz mit der Faust zusammen­quetschen, als ich zusehen muss, wie der Mensch, den ich unendlich lieb habe, zusammengeschossen wird. Auch die Astronauten und das Empfangskomitee stehen fassungslos und bestürzt da.

Dann dröhnt über Lautsprecher die Stimme des Oberbefehlshabers über den Platz: »Sofort aufhören mit Schießen, ihr Idioten! Wer hat den Befehl zum Schießen gegeben?«

 

Damit erwache auch ich aus meiner Lethargie. Ich starte das Schiff und bringe es direkt über dem reglosen Körper zum Schweben. Die Menge der Soldaten weicht zurück. Dann verstärke ich die Schwerkraft des Transportfeldes, sodass es die Erdenschwerkraft ein wenig übertrifft. Das bewirkt, dass Nadines lebloser Körper nach oben ins Schiff fällt.

Noch während die Roboter sie ins Innere bringen, starte ich. Wir entfernen uns mit der gleichen Geschwindigkeit, mit der wir angekommen sind. Daher begleitet uns auch ein Geschwader von Militärmaschinen.

Aber das ist mir egal. Sie werden sowieso abdrehen müssen, wenn wir in große Höhen vorstoßen.

Weit außerhalb des Luftgürtels der Erde verschwinde ich dann auch von ihren Ortungsschirmen.

 

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