Auto-Bio-Graf

Autobiograf

 

Es ist ein sonniger Herbsttag. Ich sitze in einem Café und beobachte die Menschen um mich herum.

Die tiefstehende Nachmittagssonne lässt die vorbeihastenden Menschen nur schattenhaft erscheinen. Es ist unmöglich, trotz dunkler Brille, Einzelheiten zu erkennen. Und ich habe Zeit. Viel Zeit. Das unterscheidet mich von den meisten anderen Menschen, die im Gewühl der Großstadt vorüberhasten. Ich genieße die wärmenden Sonnenstrahlen auf meinem Gesicht, auch wenn sie verhindern, dass ich meine Umwelt deutlich wahrnehmen kann.

Ich mag es, Leute zu beobachten und denke mir zu den Personen um mich herum kleine Geschichten aus.

Am Nachbartisch sitzen zwei ältere Frauen zurückgelehnt auf ihren Stühlen und werfen missbilligende Blicke auf eine vorbeistolzierende blondierte ältere Dame, die von ihrem übelgelaunt aussehenden Spitz an der Leine hinter sich hergezogen wird. Die beiden Damen kommen sicherlich vom Lande und finden es unmöglich, dass eine Frau in ihrem Alter so aufgedonnert daherkommt. Am Tisch dahinter sitzt ein Ehepaar mittleren Alters, das sich intensiv anschweigt. Während sie ihren Kaffee schlürft, folgen seine Augen einem jungen Pärchen, das eng umschlungen vorbeischlendert und Blicke nur für einander hat. Seine Augen saugen sich fest an den Beinen des Mädchens, die unten in braunen Stulpenstiefeln stecken und deren oberer Teil in einem knappen Höschen endet. Er hätte sich zu gern zwischen diesen Beinen verloren, und an seinen geweiteten Pupillen ist deutlich zu sehen, an was er gerade denkt. Seine Frau hat seine Blicke durchaus mitbekommen, aber ignoriert sein Gehabe empört. Die junge Frau am Tisch daneben scheint von alledem nichts mitzubekommen. Sie sitzt mit eingezogenen Schultern da, starrt in ihren Becher mit Früchtetee und ihre Körperhaltung vermittelt den Menschen um sie herum: Schaut mich ja nicht an. Ich bin gar nicht da. Sie hat bestimmt gerade von ihrem Freund den Laufpass bekommen, und ihr Selbstbewusstsein ist am Boden zerstört.

 

Plötzlich wird die Ruhe von lautem Gebrüll unterbrochen. Auf der anderen Straßenseite gestikuliert ein älterer Mann wild mit den Armen und hüpft wie ein Gummiball auf und ab. Ich kann ihn gegen die tiefstehende Sonne nicht erkennen, aber sein Gebrüll kommt mir irgendwie bekannt vor.

»Ich glaub es nicht«, hallt es über die Straße, »das ist doch Ulli!«

Damit bin offensichtlich ich gemeint. Schemenhaft erkenne ich, wie er sich auf die Straße stürzt und beinahe von einem Linienbus überfahren wird. Beim Näherkommen erkenne ich ihn. Es ist mein alter Freund Udo.

Freudestrahlend stürzt er auf mich zu, drückt mich mit seinen Pranken an die breite Brust und sprudelt sofort los.

»Mensch, Ulli! Haben uns ja lange nicht gesehen. Wie geht’s Dir? Was machst Du? Wohnst Du noch in Niendorf? Hast Du Deine Lebenspartnerin inzwischen geheiratet? Was machen die Kinder? Hast Du endlich Enkelkinder?«

Ohne Atem zu holen fährt er fort.

»Ich bin ja nun unter die Leseratten gegangen. So nennt man doch Leute, die lesen, oder? Wir haben damals zusammen vier richtige Bücher gekauft, erinnerst Du Dich? Und vom ersten habe ich schon fünfzig Seiten gelesen. Ich mein’, ist furchtbar anstrengend, aber man muss doch ’was für die Bildung tun.«

Udo lässt mich gar nicht zu Wort kommen.

»Und Du, Ulli? Macht es Dir immer noch Spaß, so’n Geschreibsel in die Tastatur zu hauen? Liest das überhaupt irgendwer? Ich mein’ ja nur: Lesen ist schon anstrengend. Aber Schreiben? Also ich würde davon Kopfschmerzen bekommen. Was schreibst Du denn gerade für ein Zeug?«

Ich nutze Udos kurze Atempause, mich aus seiner Umklammerung zu befreien und leicht keuchend einen knappen Satz herauszustoßen.

»Ich schreibe an einer Autobiografie, ich bin Autobiograf.«

Udo schaut mich verwundert an.

»Was? Auto-bio-graf? Hast Du etwa ’ne Neue? Bist nicht mehr mit Inga zusammen? Du hast also geheiratet, ohne mir etwas zu sagen! Alter Schwerenöter! Und dann gleich so ’ne gesund lebende Blaublütige.«

Nun ist es an mir, meinen alten Freund verwundert anzuschauen.

»Wie kommst Du denn darauf, Udo?«

»Na, Du hast doch nun sicher auch ein richtiges Gut! Mit Rolls Royce und glücklichen Schweinen, freilaufenden Hühnern, Mägden und Knechten? Schließlich bist Du jetzt blaublütig, als BIO-GRAF mit schickem AUTO.«

 

© Ulli Kammigan, März 2017

 

Und wer wissen will, wie es damals war mit dem Bücherkauf und Udo, der schaue unter

»Mit Udo im Buchladen«