Forum Germanicum Auctores

 

»Das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Autoren auf Internetseiten«

 

Das Internet ist wirklich eine tolle Sache. Da gibt es Foren, die sind einfach köstlich. Das kannst du aber nur genießen, wenn dir jederzeit bewusst ist, dass in solchen Foren jeder Hans und Franz, Yeti und Pleti oder Plisch und Plum und das Gleiche noch einmal in weiblicher Form seine oder ihre mehr oder weniger qualifizierten mehr oder weniger hochgeistigen Ergüsse abladen kann.  Wenn dieser nette Zeitgenosse auch noch einer bestimmten Berufsgruppe angehört oder anzugehören glaubt, in der sich haufenweise Egomanen, Selbstverliebte und über alle Maßen eitle Leute tummeln, die sich für die Größten halten, und meinen, sie hießen nicht Hans und Franz, sondern Hemingway und Faulkner, dann wird es spannend. Da wird darüber gestritten, ob man für das Verlegen seiner Nobelpreis-für-Literatur-verdächtigen Werke auch noch Geld bezahlen soll oder nicht, und empört sich darüber, dass große Verlage eingesandte Manuskripte, Exposés und Leseproben einfach verlegen – und nicht wiederfinden. Da werden Leseproben vorgestellt, die – zugegeben – in einzelnen Fällen nicht schlecht sind, aber größtenteils einfach Müll. Aber hüte dich, den literarischen Abfall öffentlich als Müll zu bezeichnen, dann geht etwas los, was Kenner mit »shitstorm« bezeichnen und damit völlig richtig liegen, wenn man den ersten Teil dieses urdeutschen Wortes wörtlich nimmt.

So ein shitstorm eignet sich hervorragend zum »outen« (noch so ein tolles urdeutsches Wort). Ganz besonders natürlich für jene, die als Baby nicht unbedingt in einen Topf  mit Klugheit gefallen sind. Das erkennst du an ihren Beiträgen, die selbstverständlich nicht geschrieben, sondern »gepostet« werden, obwohl die Deutsche Post an dem Laden überhaupt keine Aktien hat, und man  überbietet  sich damit, in einem einzigen Satz möglichst viele Fehler unterzubringen.

 

Skurril wird es, wenn sich ein Forum-Mitglied berufen fühlt – und das geschieht regelmäßig, die Rechtschreib- und Zeichensetzungsfehler seines Vorgängers mit einem weiteren »Post« zu kommentieren, der den ersteren an Fehlern um ein Vielfaches übertrifft. Man will eben in Allem besser sein. Besonders im Schlechten.

 

Warum das »posten« heißt? Erinnerst du dich noch an ein Spiel, das früher auf Kindergeburtstagen sehr beliebt war? Das hieß »stille Post«. Bei diesem Spiel nuschelte der Erste in der Runde seinem Nachbarn ein Satz ins Ohr und das machte dann die Runde. Der Letzte sagte den Satz laut und man klopfte sich grölend auf die Schenkel aus Freude über das, was aus dem ursprünglichen Satz geworden war.

So ähnlich läuft es auch beim »posten« ab. Da postet Einer einen oder mehrere Sätze, die dann vom Zweiten gründlich missverstanden werden. Die jeweils Nächsten in der Reihe missverstehen alle Vorhergehenden, aber posten fröhlich weiter. Es fehlt hierbei am Schluss nur das Schenkelklopfen. Das liegt wohl daran, dass in dieser ehrenwerten Runde Humor eher selten ist. Und über sich selbst lachen? Nein! Dazu müsste man sich ja nicht allzu ernst nehmen.

 

Doch zurück zu dem Dilemma mit den Verlagen.

Zugegeben, es gibt dort möglicherweise auch ein paar seltene Exemplare, die einen Verlag gefunden haben, der sogar das tut, was die eigentliche Aufgabe eines Verlages ist, nämlich das Werk herauszubringen nachdem es ordentlich lektoriert  und layoutet (!) ist, und das alles natürlich ohne Kosten für den Schreiberling. Unter ordentlich lektoriert verstehe ich nicht nur, den Text auf Rechtschreibung, Grammatik und Zeichensetzung abzuklopfen sondern auch die Geschichte hinsichtlich eines Spannungsbogens und die handelnden Personen auf Stimmigkeit zu untersuchen. Eine gute Lektorin, ich nehme hier einmal die weibliche Form -  die kommt nämlich im obigen Text etwas zu kurz -, kostet natürlich etwas, auch den Verlag. Und das holt er bei deutlich weniger als tausend verkauften Exemplaren nicht wieder rein.

Die merkwürdige Spezies in diesem Forum Germanicum kann überhaupt nicht verstehen, dass Verlage das Geld verdienen, das ihnen als Autor eigentlich zusteht, wo sie doch im Schweiße ihres Angesichts jahrelang, mindestens aber monatelang, Tag und Nacht über weißen Zetteln oder vor einem nackten Bildschirm gebrütet haben.

 

Da ich diesem Forum angehöre, muss ich natürlich auch zu dem Thema meinen unqualifizierten Senf aus der Tube drücken, und dem Einen oder der Anderen oberlehrerhaft weise Ratschläge erteilen und ihnen Mut machen:

Es gibt schon Möglichkeiten mit diesem Dilemma zurechtzukommen.

Nehmen wir an, du bist noch recht jung.

Da denken die Verlage, die oder der kann sich noch entwickeln. da ist also Potenzial. Bei mir altem Sack denken die eher, der hüpft sowieso bald in die Urne. Also, was soll da noch kommen?

Oder du setzt deine Frustrationstoleranz-Grenze ganz nach unten (meine ist leider zu hoch) und pflasterst die Verlage mit deinen Manuskripten, Exposés und Leseproben zu. Vielleicht kommt ja doch ´ne Antwort.
 Allerdings musst du aufpassen. Wenn ein Verlag dein Manuskript in höchsten Tönen lobt und dies auch noch dezidiert begründet, dann ist das ein Bezahl-Verlag, der will an dein Geld ohne viel zu tun.

Du kannst das Ganze aber auch positiv betrachten.

Dir macht das Schreiben Spaß. Du schreibst in erster Linie für dich, und wenn es in deinem engeren oder weiteren Bekanntenkreis Leute gibt, die deine geistigen Ergüsse auch toll finden, wie du selbst natürlich sowieso, dann lass´ es mit möglichst wenig Kosten drucken und freue dich über deinen kleinen Leserkreis.

 

Ach ja, dann gibt es noch das E-Book: Geliebt und gelobt im Forum Germanicum.

Noch zahlt Amazon nicht dafür, dass man sich herablässt, über ihr Portal seine literarischen Kunstwerke elektronisch herauszugeben, aber die sind bestimmt kurz davor. Denn nur so können sie den Buchmarkt kaputtkriegen. Denen reicht es vorerst, wenn sie Tausende von selbsternannten Schreiberlingen anlocken – es könnten ja sogar ein paar Lichtgestalten darunter sein. Aber noch wichtiger ist es, an deren Daten zu kommen, denn die kann man weiterverkaufen. Es gibt Firmen mit so merkwürdigen Namen wie NSA, die lechzen geradezu danach. Aber auch Amazon lechzt, und zwar nach Geld, denn es hat 2014 einen Riesenverlust eingefahren.

Wenn sie denn den Buchmarkt kleingekriegt haben und Weltverlage wie Penguin Random House und Hachette Livre solange boykottieren bis diese klein beigeben, was zurzeit gerade geschieht, dann können sie auch dem »einfachen Autoren auf der Straße« ihre Konditionen diktieren. Dann ist nichts mehr umsonst, mit Ausnahme des Todes und der auch nur im Sprichwort.

Nach deutschem Sprachgebrauch nennt man Firmen mit solchem Geschäftsgebaren auch »kriminelle Vereinigungen«. Aber das stört ja keinen.

 

In Deutschland werden auch im Jahr 2015 nach einer Untersuchung der Wirtschaftsprüfungs-gesellschaft Deloitte gedruckte Bücher 95 % der Buchverkäufe ausmachen. In den USA und Groß-britannien nahm der Anteil 2014 sogar wieder zu. Da zeugt es natürlich von einem großartigen Zahlenverständnis, wenn Autoren, die in der unteren Liga spielen, ausschließlich auf das E-Book setzen, weil es kostenlos verlegt werden kann.

Nun, ein Forum-Germanicum-Mitglied denkt natürlich nicht politisch. Man denkt literarisch und überlässt es lieber so unbedeutenden Autoren wie Elfriede Jelinek, Günther Wallraff oder Regula Fenske, Generalsekretärin des PEN-Zentrums Deutschland, Protestbriefe an Amazon-Chef Jeff Bezos zu schreiben. Unter den über 900 Autoren aus den USA, die sich gegen Amazon gewandt haben, befinden sich auch solche wie Stephen King und John Grisham.

Aber wer ist schon John Grisham? 

© Ulli Kammigan, Noch-Mitglied im

Forum Germanicum Auctores, Februar 2015