Lesung

Eine Veranstaltung nennt man Lesung, wenn einer etwas vorliest und manchmal drei, oft sogar ganz viele Leute zuhören. Nach demokratischen Mehrheitsprinzipien dürfte es eigentlich nicht Lesung heißen, sondern Hörung. Heißt es aber nicht.

 

Heute Abend habe ich mich zu solch einer Lesung angemeldet, die Lesung eines Autoren, von dem ich noch nie gehört habe, der aber, so die Vorankündigung auf den überall herumliegenden Flyern, zu den Hoffnungsträgern der literarischen Zukunft in Deutschland, wenn nicht sogar weltweit gehören soll, und ich habe acht Euros dafür gelöhnt. Dieser einführende Bandwurmsatz lässt ahnen, was auf mich zukommt.

 

Der Raum ist gut gefüllt mit acht Gästen verteilt auf zwölf Stuhlreihen. Die erste Reihe ist noch vollständig frei.

›Fein‹, denke ich, ›das trifft sich gut und kommt meiner beginnenden Altersschwerhörigkeit entgegen.‹

Doch leider liegen auf allen acht Stühlen kleine weiße Zettel mit der Aufschrift ›reserviert‹. Also wandere ich zurück und dränge mich, ein freundliches ›Entschuldigung‹ murmelnd, an drei bereits Sitzenden vorbei in die Mitte der dritten Reihe. Erwartungsvoll nehme ich Platz. Nach und nach füllt sich der Saal mit weiteren fünf Gästen, die alle Anwesenden mit lautem Hallo begrüßen. Man kennt sich.

Zwei Herren betreten den Raum, reichen beim Nachvornegehen dem einen oder der anderen bereits Sitzenden die Hand und wechseln ein paar Worte. Sie nehmen schließlich in der ersten Reihe Platz und schlagen die Beine übereinander. 

Nach einer Weile erhebt sich einer der beiden. Ihm ist wohl eingefallen, dass er da eigentlich nicht sitzen sollte und betritt den erhöhten Podest, auf dem ein Tischchen mit Leselampe und Mikrofon aufgebaut ist. Es ist der Veranstalter und er hält die Einführungsrede, in der er nicht nur den Autoren vorstellt, sondern auch auf die literarische Qualität des in Kürze zu Hörenden und auf das hohe Inspirationspotenzial des Textes hinweist.

Die Menge klatscht verhalten.

Nun betritt der Autor den Podest, nimmt hinter dem Tischchen mit Leselampe Platz, sortiert vor sich einen Stapel eng beschriebener loser Blätter, räuspert sich und legt los.

 

Schon nach kurzer Zeit habe ich Konzentrationsschwierigkeiten. Von vorn kommt ein gleichförmiges Gemurmel. Stimmenmodulation ist etwas, das der Vortragende strikt ablehnt.

Verstohlen schaue ich zu meinem Sitznachbarn zur Rechten. Er ist derart fasziniert, dass er, entspannt den Kopf in den Nacken gelegt, mit geschlossenen Augen und offenem Mund dem Vortrag lauscht. Ich bin etwas irritiert, weil er dabei ungewöhnlich laute Atemgeräusche von sich gibt.

 

Plötzlich ist es still vorn am Rednertisch. Köpfe zucken hoch. Ich sehe den Autor in seinen Blättern graben, offenbar hat er die Reihenfolge durcheinander bekommen. Verzweifelt wühlt er im Stapel seiner Papiere.

Von Inspiration ist nichts mehr zu merken, dafür aber von Transpiration, denn Schweißtropfen haben sich auf seiner Stirn gebildet. Dann endlich, nach gefühlten fünf Minuten hat er das richtige Blatt gefunden und es geht weiter.

Er sitzt so, dass seine Nasenspitze fast den Text berührt. Er traut sich nicht, ins Publikum zu blicken. Vielleicht fürchtet er, durch meinen gleichmäßig atmenden Nachbarn aus der Fassung gebracht zu werden.

 

Dann erweitert sich der Saal zu einem großen See. Wortwellen plätschern an den Strand, Wortfetzen werden von einer sanften Brise in mein Ohr gehaucht und Worthüllen zerrinnen in meinem Kopf, wie der feine Sand unter mir, den ich durch meine Finger rieseln lasse. Sonnenstrahlen wärmen meine bloße Haut.

 Neben mir auf einem Laken räkelt sich eine dunkelhäutige Schönheit. Ich beuge mich zu ihr hinüber und berühre mit meinem Mund ihre weiche Haut.

Alles klatscht! Wieso das?

 

Ich schrecke hoch und sitze wieder auf dem harten Stuhl im Vortragsraum. Der Vortragende hat ausgemurmelt und alle klatschen, auch mein Sitznachbar, der dicht an mich herangerückt ist und mir schmachtende Blicke zuwirft. Er muss da etwas falsch verstanden haben.

 

Dann drängelt die Menschenmenge nach vorn. Jeder der dreizehn Anwesenden klopft dem Autor auf die Schulter – man kennt sich ja, und eine ältere Dame, die der Autor mit »Mutti« anredet, kauft ein Exemplar seines fünfzigseitigen Werkes zu 19,80 Euro.

© Ulli Kammigan, 2015