Mit Udo im Buchladen

Udos Frau war abgehauen und hatte alle ihre Bücher mitgenommen. Nur eines hatte sie dagelassen, denn das gehörte ihm. Im großen leeren Bücherregal stand verloren Udos einziges Buch, der 120-Seiten-Katalog des örtlichen Baumarktes für die Saison 2014/15. Als Erstes hatte Udo drei Regale herausgenommen, um Platz für seinen neuen 56-Zoll-LCD-Bildschirm zu schaffen. Dann besah er sein Werk und war unzufrieden. Also rief er mich an.

 

»Ulli, ich brauche deine Hilfe, denn in meinem Bücherregal herrscht gähnende Leere. Was mach ich bloß, wenn ich mal so ’ne geile Ische nach Hause abschleppe und die nur das eine Buch sieht? Was wird die von mir denken? Kannst du nicht mit mir in so’n Bücherladen gehen? Ich kenne mich da ja nicht so aus.«

 

Am nächsten Tag betreten wir zusammen das »Büchereck Niendorf-Nord«.

Udo ist erschlagen. So viele Bücher auf einem Haufen hat er noch nie gesehen. Man merkt ihm an: Er fühlt sich nicht sonderlich wohl und sucht ständig meinen Blickkontakt.

Freundlich begrüßt uns die Buchhändlerin.

»Was kann ich für Sie tun?«

»Ich suche ein paar Bücher«, stammelt Udo, »die sollen was hermachen.«

Die nette Dame greift ein Buch aus dem Stapel vom Tisch.

»Wie wäre es denn mit diesem: ›Helmut Schmidt – Was ich noch sagen wollte‹?«

»Schmidt? Ich weiß nicht. Das ist doch so’n Allerweltsname. Haben Sie nicht was Exotischeres?«

»Okay! Wie ist es denn hiermit: ›Die Leiden des jungen Kevin – Erinnerungen eines Schulversagers‹ von Kevin Klein?«

»Kevin Klein? Ist das nicht der Parfüm-und-Mode-Fuzzi?«

»Nein«, mische ich mich ein, »der heißt Calvin Klein.«

»Richtig! Der hat doch die Temperatur erfunden.«

»Nein Udo, der hieß Kelvin. Und er hat sie auch nicht erfunden. – Aber ich würde das Buch nehmen. Der Titel macht was her. Schon Goethe hat etwas Ähnliches geschrieben.«

»Goethe? Hm! Nehm ich! Ist zwar ein bisschen teuer. 200 Seiten und kostet 9,80 €. Das macht immerhin 4,9 Cent pro Seite.«

Udo war schon immer gut im Kopfrechnen.

»Haben Sie nicht noch was Dickeres? So mit richtig vielen Seiten?« Sein Blick geht suchend umher und bleibt im obersten Regal an drei Wälzern hängen.

»Wie ist es denn damit?«

»Das ist eine Science-Fiction-Trilogie von Nirwana Molotowa: ›Sonne‹, ›Mond‹, ›Und Sterne‹.«

»Nirwana Molotowa? Hab ich schon mal gehört.«

Udo nimmt den dritten Band zur Hand.

» ›Und Sterne‹? Komischer Buchtitel!«

Dann schlägt er die letzte Seite auf.

»Wow! 800 Seiten! Und kostet nur 12,80 €. Das macht 1,6 Cent pro Seite. Nehm ich. Alle drei!«

Wie schon gesagt, Udo war Meister im Kopfrechnen.

 

Nachdem die Buchhändlerin die Bücher eingepackt hat und es ans Bezahlen geht druckst Udo etwas herum.

»Sagen Sie! Bei vier Büchern! Können Sie mir da nicht im Preis etwas entgegenkommen?«

»Tut mir leid, mein Herr! Wir haben in Deutschland die Buchpreisbindung, da kann ich leider keinen Rabatt gewähren.«

Udo schaut sie einen Moment verständnislos an. Doch dann hellt sich seine Miene auf.

»Ja, klar! Buchpreisbindung. Verstehe ich, dass die Verlage die Buchbindung in den Preis einrechnen müssen.«

 

Beim Hinausgehen sagt er leise zu mir.

»Danke, Ulli! Warst ’ne große Hilfe. Allein hätte ich mich da nicht reingetraut. Eine Frage hab’ ich aber noch:

Wer war eigentlich dieser Goethe?«

 

© Ulli Kammigan 2015