Post von Wolfgang

 

 

Heute bekam ich einen Brief vom Finanzamt in typischem Verwaltungs-deutsch gehalten:

 

Sehr geehrter Steuerpflichtiger,

– Steuerpflichtiger? Ich heiße nicht Kammigan, sondern Steuerpflichtiger? Ulli Steuerpflichtiger! –

Sehr geehrter Steuerpflichtiger, wir bedauern Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihre negativen Einkünfte aus der Autorentätigkeit nicht unter die Einkünfte im Sinne der §§ 16 und 18 Einkommensteuergesetz fallen und somit auch nicht eventuelle Verluste nach § 2a Einkommensteuergesetz steuerrelevant berücksichtigt werden können.

Gegen diesen Bescheid können Sie gemäß §§ 347 ff Abgabenordnung Einspruch einlegen. Der Einspruch hat keine aufschiebende Wirkung ... Blah, blah, blah.

 

HEUCHLER! Von wegen: Bedauern! Die freuen sich doch, dass sie mir kein Geld zurückerstatten müssen, denn bisher habe ich mit meiner Schreiberei noch keinen einzigen Cent verdient. Im Gegenteil: Ich hatte nur Kosten. Und dann ›steuerrelevant berücksichtigen‹! Was soll das denn heißen?

Solche Briefe ärgern mich. Also habe ich prompt zurückgeschrieben, ob sie mir ihren Brief in verständliches Deutsch übersetzen könnten. Ich wäre auch bereit, einen staatlich bestellten Übersetzer zu bezahlen. Den könne ich dann sicher von der Steuer, wenn nicht relevant, dann aber vielleicht irrelevant absetzen.

 

Die Antwort kam nach zwei Wochen am späten Abend. Absender: Bundesfinanzministerium.

 

Lieber Herr Kammigan,

 

ich beglückwünsche Sie zur Herausgabe ihres neuen Buches. Ich habe es selbstverständlich gelesen und bin sicher, es wird ein Erfolg. Und Sie können endlich mit ihrer Schreiberei eine Zahl verbuchen, die deutlich über meiner Lieblingszahl liegt, der Schwarzen Null. Ich muss leider zugeben, dass es in meinem Umkreis etliche Nullen gibt. Rote, grüne, gelbe und leider auch braune Nullen. Aber die schwarze ist mir die liebste; sie ist die Urmutter aller Nullen, geboren und aufgewachsen unter den Bajuwaren im äußersten Süden der Republik und trägt erfreulicherweise – obwohl weiblich – nur männliche Vornamen, wie Franz-Joseph, Edmund oder Horst, letzterer auch bekannt unter dem Pseudonym Vollhorst.

 

Ich bin also sehr erfreut darüber, dass es Ihnen gelingen wird, sich von diesen Nullen abzuheben und als bislang ›armer Poet‹ endlich Geld zu verdienen. Ihre Einkünfte aus schriftstellerischer Tätigkeit würden dann denen aus selbständiger Arbeit (§§ 16 und 18 EStG) zugordnet und versteuert werden und nicht, wie bisher, als Verluste aus Hobbytätigkeit steuerrechtlich ohne Belang sein. Hobbytätigkeit liegt immer dann vor, wenn Sie  – sozusagen als Ihr Privatvergnügen – Geld zum Fenster hinauswerfen. Sollte jedoch Geld hereinkommen, beachten Sie bitte, dass Ihr bisheriges Hobby schlagartig und steuerrechtlich in Arbeit ausartet, in selbstständige Arbeit. Das klingt doch großartig. Sie dürfen endlich auf Ihre Einnahmen Steuern zahlen, denn Sie haben ja gearbeitet und nicht am Bleistift gekaut. Ich wäre außerordentlich erfreut, wenn Sie damit Ihren bescheidenen Beitrag zum Stopfen der Löcher in meinem Haushalt leisten würden, die bedauerlicherweise, trotz Schwarzer Null, weiterhin vorhanden sind. Das liegt natürlich daran, dass auch die Schwarze Null aus einem Loch besteht, umgeben von einem runden schwarzen Rahmen, sozusagen ein Trauer-Loch.

 

Schließlich noch eine persönliche Anmerkung: Bitte haben Sie Verständnis, dass das Finanzministerium sich nicht an jedem kleinen Verlust eines Autoren beteiligen kann. Das ist erst möglich, wenn sich Ihre Verluste in zehnstelliger, also Milliardenhöhe bewegen. In solchem Fall wenden Sie sich bitte vertrauensvoll am mich. Ich bin ganz sicher, Ihnen dann helfen zu können, da Sie sich in diesem Fall auf einer Höhe mit den Unternehmen befinden, für die gilt: too big to fail.

 

Ihr Wolfgang Schäuble, Bundesfinanzminister.

 

Toll! Der GröFaZ Schäuble (Größter Finanzminister aller Zeiten) antwortet persönlich. Beglückt deponiere ich den Brief mitten auf meinem Schreibtisch, um ihn am nächsten Tag in einen passenden Rahmen zu setzen und gehe als zufriedener Autor und Steuerzahler ins Bett.

 

Am nächsten Morgen betrete ich laut pfeifend mein Arbeitszimmer. Voller Stolz schaue ich auf meinen  – völlig leeren – Schreibtisch. Kein Brief, kein Umschlag. Nichts.

Dann muss ich das wohl geträumt haben.

 

© Ulli Kammigan 2016