Schreibblockade

Schreibblockade

 

Ich habe gehört: Es soll außer mir noch den einen oder anderen Autoren geben, der beim Schreiben von Selbstzweifeln geplagt wird und vermutet, dass er nicht das Schreibgenie ist, auf das die Welt seit Jahren gewartet hat. 

 

Ich schreibe an meinem neuen Roman. Die ersten Kapitel gingen mir flüssig von der Hand in die Tastatur. Ich habe auch schon eine feste Vorstellung, worauf das Ganze hinaus soll. Sogar ein mögliches Ende ist schon ›zu Bildschirm‹ gebracht. Ob es wirklich so wird, steht allerdings in den Sternen. Einzelne Szenen hängen noch zusammenhanglos zwischen den Absätzen herum und langweilen sich.

Doch dann ist auf einmal Schluss. Ich habe keine Ahnung wie ich von C nach D komme und dann zu Y und Z. Und das hat auf mindestens 50 restlichen Seiten zu geschehen. Es soll ja ein ›ordentliches‹ Buch werden und nicht nur ein Heftchen.

Gähnende Leere im Hirn!

Was tun mit leerem Oberstübchen? Am besten ich arbeite das Geschriebene noch einmal durch. Zum dreizehnten Mal. Vielleicht finde ich danach den Weg, auf dem es weitergehen kann.

Dann habe ich eine Szene im Kopf, die ist richtig gut – finde ich. Aber sie steht im Widerspruch zu dem zuletzt Geschriebenen. Soll aber rein! Also ein ganzes Kapitel umschreiben, damit es passt. Dabei eliminiere ich, zum dritten Mal, ein paar überflüssige Adjektive und Adverbien, auch bekannt als Füllsel, und ersetze drei weniger starke Verben durch stärkere.

Alles schön und schlecht. Gute Einfälle meiden mich wie der Teufel das Weihwasser. Ich habe nicht die geringste Idee, wie meine Geschichte weitergehen soll.

Also rein in den Sessel, in die stabile Seitenlage und die Gedanken schweifen lassen. Das klappt oft. Vor meinem geistigen Auge entstehen dann Bilder und Worte und es läuft ein Film ab, den ich dann nur noch in Textform bringen muss. Doch vor meinem Auge entstehen lediglich graue Wolkenberge; ein Tief breitet sich über meiner Stadt aus. Der Sturm zerrt lärmend an den Plastikverkleidungen des Horror-Rohbaus gegenüber und Regen peitscht gegen die Wohnzimmerscheiben. Der graue Himmel drückt auf mein Gemüt. Wie soll man da etwas zustande bringen?

 

Am besten, ich gebe auf und verkrieche mich in Selbstmitleid. Ich wusste schon immer, dass ich eigentlich überhaupt nicht schreiben kann, mir  fehlt jegliches Talent dazu. Wenn wir einen Kamin besäßen, dann könnte ich jetzt Asche auf mein Haupt streuen, aber nicht einmal dazu bin ich in der Lage.

Das bedeutet: Das Notebook zuklappen und schwören, dass ich es nie wieder aufmache. Zumindest die nächsten vier Wochen nicht. Gut, vielleicht nur zwei Wochen. Oder zwei Tage. Aber auf keinen Fall vor morgen!

 

Es sind ein paar Tage vergangen und ich muss bekennen: Es war gar keine Schreibblockade. Um genau zu sein, ist Schreibblockade sowieso das falsche Wort. Denn meine Schreibfähigkeit war ja nicht blockiert, schließlich bin ich etwa seit meinem sechsten Lebensjahr des Schreibens mächtig und kann es erstaunlicherweise noch immer. Blockiert war also nicht meine Schreibfähigkeit, sondern allenfalls mein Hirn in Bezug auf Ideen, die das Lesen des späteren Buches interessant machen sollen.

 Mir fehlen also einfach nur ein paar Ideen.

Ich glaube, ich bin manchmal zu ungeduldig und will zu viel und das möglichst sofort.

Also schreibe ich erst einmal, was an der Stelle D passieren soll und vielleicht auch bei F, denn dafür habe ich etwas im Kopf. Wie ich dahin komme, soll mir ist erst einmal egal sein.

Dann passiert es. Irgendwann, nach Tagen, Wochen oder sogar Monaten, morgens im Bett oder beim Gucken von Löchern in die Hamburger Luft habe ich die Szene vor Augen, die mir bisher fehlte. Ich male sie in Gedanken weiter aus und habe dazu auch ein paar richtig gute Sätze im Kopf. Also schnell Notebook aufklappen und die Finger kreisen lassen. Ich kann nämlich noch immer nicht im ›Zehn-Finger-System‹ schreiben. Ich bin nie über die Methode ›Kondor‹ hinausgekommen, nämlich Zeigefinger kreisen lassen und dann hinunter stoßen.

Die vorerst noch grottenschlechte Rohfassung leuchtet mir aus dem Display entgegen und ich gehe in aller Ruhe daran, fehlende Anführungs- und Satzzeichen einzufügen, schwache Verben durch stärkere zu ersetzen und überflüssige Adjektive und Adverbien rauszuschmeißen. Die so entstandene Fassung ist dann immerhin schon lesbar, aber wird sicherlich noch zehnmal geändert werden. ›Mann‹ ist ja nie zufrieden.

© Ulli Kammigan, überarbeitet Jan. 2017