Verkehrte Welt

 Verkehrte Welt

 

Ich fahre mit der Linie U2 in die Stadt. Neben mir sitzt ein Junge oder junger Mann, etwa 12 Jahre alt, der liest in einem E-Book. Das ist eigentlich nichts Besonderes. Fast alle meine Mitfahrenden haben ein Gerät in der Hand, mit dem sie entweder Selbstgespräche führen, auf einem Display sich die Finger wund wischen, oder bei angeschlossenem Kopfhörer gelegentlich auf das Display tippen und rhythmisch mit den Füßen wippen. Aber sein Gerät sieht ungewöhnlich aus. Es ist etwas kleiner als die mir bekannten E-Book-Reader, dafür aber nicht so flach.

Dem jungen Mann fällt sehr schnell auf, dass ich ständig verstohlen zu ihm hinüberschaue. Nach kurzer Zeit spricht er mich an.

»Tolles Gerät, nicht wahr. Willste auch mal, Opa?«

Damit reicht er mir das Gerät. Es ist nicht nur kleiner, sondern auch leichter und das Display zeigt immer zwei Seiten zugleich an.

Als erstes suche ich den ›On‹-Knopf.

»Das hat keinen An- und Aus-Schalter. Es ist immer On«, belehrt mich der Junge.

»Dann geht es von allein in den ›Stand-by‹?«, will ich wissen.

»Nein«, sagt der Junge, »es gibt auch kein Stand-by. Es verbraucht überhaupt keinen Strom.«

»Keinen Strom? Tolles Gerät! Was es heute so alles gibt!«

Dann wische ich probehalber über das Display um die folgenden Seiten aufzurufen. Nichts geschieht.

»Das Gerät ist kaputt, man kann ja gar nicht weiterblättern!«

Der Junge sieht mich etwas genervt an.

»Mann-o, das musst du so machen. Ich zeig’s dir.«

Er nimmt den Rand des rechten Displays zwischen Zeigefinger und Daumen und zieht es zur linken Seite und – siehe da – auf der Rückseite des rechten Displays erscheint ein neues und man kann weiter lesen.

Ich bin beeindruckt.

»Sag’ mal mein Junge, wie viele Displays hat denn das Gerät?«

»Muss ich nachsehen! Hm – 298!«

»Was? 298 Displays? Unglaublich wie weit die Technik heute ist.«

»Und Opa, das solltest du wissen, man sagt heute nicht mehr Display. Display ist nicht hip.«

»Nicht hip?«

»Nein, überhaupt nicht hip. Man sagt heute ›Seite‹ dazu.«

Ja, die Sprache der Jugend. Sie schreitet so schnell voran, dass wir Alten gar nicht mehr mitkommen.

Aber irgendwo muss ein Haken sein. Bei diesen neumodischen Sachen gibt es immer einen Haken.

Dann sehe ich es: Das Display ist nicht beleuchtet.

»Was machst du«, frage ich den jungen Mann, »wenn es dunkel ist? Dann kannst du ja nicht lesen!«

»Ist doch klar, Opa. Dann schalte ich im Raum das Licht an.«

Pfiffig, diese jungen Leute!

© Ulli Kammigan, 2016