Ödipussy und Theseus

oder

 

Ein Mann mit Komplexen

und die Liebe zum Stier

nacherzählt von Ulli Kammigan

 

Alles fing mit einem schwulen König an. Der hieß Laïos und war König von Theben. Er war scharf auf den Jüngling Chrysippos, Sohnemann von König Pelops. Pelops wiederum war als Jüngling in der Suppe gelandet, die sein Alter den Göttern vorgesetzt hatte, um sie a) zu ärgern und b) auf die Probe zu stellen. Doch die merkten das und stellten ihn wieder her, bis auf das kleine Stück Schulter, das Demeter schon vernascht hatte, weil sie nicht ganz bei sich war. Das wurde aus Elfenbein nachgebaut. Der Alte wurde von den Göttern im Tartaros mit Tantalos-Qualen bestraft, denn er hieß auch so: Tantalos. Also Laïos baggerte Chrysippos an, wollte ihn sogar entführen, Vater Pelops war sauer und verfluchte ihn. Das fand Laïos nicht gut und heirate Iokaste zwecks Zeugung eines Sohnes und um allen klar zu machen, dass er auch etwas Anderes konnte, als schwul sein. Aber das dauerte mit dem Sohn.

 

Was macht also ein alter Grieche, wenn etwas mal nicht so klappt? Er latscht nach Delphi und befragt das dortige Orakel. Das verklickerte ihm Genaueres über den Fluch des Pelops. Sollte er es nämlich wagen, einen Sohn zu zeugen, dann wird dieser seinen Vater erschlagen und seine Mutter heiraten. Aber Laïos konnte sich einfach nicht beherrschen, ließ seine Finger nicht von Iokaste, und binnen Kurzem kam ein brillantes Söhnlein zur Welt. Iokaste und ihr Gatte kriegten Panik wegen des Orakels, sie ließen die Füße des Knäbleins durchstechen und zusammenbinden und ihn von einem Hirten, so Schneewittchen-mäßig, hinter den sieben Bergen aussetzen. Der hielt sich an die Vorlage der Gebrüder Grimm und hatte Mitleid mit dem Kind und gab es einem vorbeiziehenden Typen, der war auf dem Weg nach Korinth. König Polybos von Korinth adoptierte dann den Knaben, und seine Frau Merope heilte seine Wunden und nannte ihn Oidipus, auf Deutsch »Schwellfuß«. Weil er aber sonst ein niedliches kleines Kerlchen war, bekam er den Kosenamen Ödipussy, so wie andere Ulemann oder Butzi genannt werden.

 

Als er dann älter wurde, fand er es an der Zeit,seinen Leuten die blöde Verniedlichung abzugewöhnen, war aber nicht so einfach. Ulemann und Butzi können ein Lied davon singen. Auf einer der vielen Partys in Korinth laberte ihn später ein Besoffener an, er sei gar nicht der Sohn von Polybos und Merope. Ödipussy wollte das nun genau wissen. Weil seine Alten sich vor der Antwort drückten, marschierte auch er nach Delphi und wollte wissen, wer seine Eltern waren. Das Orakel hatte sich aber eingeschossen auf den einen Satz, was anderes konnte es zurzeit nicht, er würde seinen Vater töten und die Mutter heiraten. Ödipussy war entsetzt und machte sich davon und einen großen Bogen um Korinth, um ja nicht Vater und Mutter zu begegnen, und beschloss, von jetzt an Ödipus zu heißen.

 

Auf dem Berg Parnass, französisch: Montparnasse, traf er nicht Peggy Parnass, die weilte gerade in Hamburg, sondern auf einen anderen Wagenlenker. Sie zofften sich, weil keiner den Weg frei machen wollte, der Fremde erschlug eines von Ödipus’ Pferden und Ödipus erschlug sowohl Wagenlenker als auch dessen Passagier. Der hieß Laïos und war sein leiblicher Vater. Aber das wusste er ja nicht.

 

Dann kam er nach Theben. Das wurde gerade von einer Sphinx terrorisiert, die gab jedem Vorbeikommenden ein Rätsel auf; die waren aber alle nicht so gut im Rätselraten und wurden deswegen von der Sphinx verspeist. 

In dem Rätsel ging es um einen Typen, der morgens vierfüßig, mittags zweifüßig und abends dreifüßig ist und, wenn er die meisten Füße bewegt, ist er am schwächsten.

Ödipus gähnte laut, murmelte ’was von ollen Kamellen und »hab’ ich schon in der Schule gehabt« und antwortete: Das ist der  Mensch!

Die Sphinx schämte sich für ihr blödes Rätsel und stürzte sich aus Verzweiflung, weil ihr nichts Besseres eingefallen war, in den Tod.

 

Die Thebaner waren begeistert, konnte man nun doch wieder in ihre Stadt kommen, ohne sich mit ’ner Sphinx absabbeln zu müssen, machten ihn zu ihrem König und gaben ihm die verwitwete Königin zur Frau. Das war Iokaste. Der machte er dann vier Kinder, die Zwillinge Eteokles und Polyneikes und die Töchter Ismene und Antigone. Letztere wurde berühmt durch Sophokles in seiner Tragödie, in der sich so ziemlich alle umbringen. Antigone, weil sie den Leichnam ihres Bruders Polyneikes gegen das Verbot ihres Onkels und Herrschers Kreon bestattet und dafür eingesperrt wird, ihr Verlobter Haimon, der sich Romeo-mäßig umbringt, weil seine Geliebte tot ist, Euridyke schließlich, Kreons Frau und Mutter von Haimon, weil ihr Sohn sich umgebracht hat, und Kreon, Erfinder der Hybris, (Hochmut bzw. Überheblichkeit) steht nun ganz allein da. Soweit Sophokles.

 

Doch zurück zu Ödipus. Schon wieder mischte der blinde Seher Teiresias mit, auch das Orakel von Delphi verkündete, dass die Seuche, die Theben in ihren Krallen hielt, nur dann verschwinden würde, wenn der Mörder von Laïos gefunden würde, und Teiresias erzählte dann dem Ödipus brühwarm die ganze Geschichte. Als der mitkriegte, dass er seinen Vater erschlagen und mit seiner Mutter vier Kinder gezeugt hatte, litt er sofort unter dem Ödipus-Komplex, stach sich mit zwei goldenen Nadeln seiner Mutter die Augen aus, und Iokaste erhängte sich mit ihrem Schleier. Ödipus marschierte nun in die Verbannung und seine Tochter Antigone begleitete ihren blinden Vater, bis er in der Nähe von Athen, wo Theseus ihn aufnahm, seinen letzten Schnaufer tat.

 

Theseus ist der mit dem Wollfaden von Ariadne, der auf Kreta den Minotaurus, halb Mensch halb Stier, im Labyrinth von Knossos tötete, das dem König Minos gehörte, der wiederum war eine Spätfolge von dem Techtelmechtel von Europa und Zeus als Stier. Minos war nur König geworden, weil er den Meeresgott Poseidon in Hinterhand hatte. Dafür hatte er aber dem Poseidon einen Stier zu opfern, den der Gott ihm aus dem Meer erscheinen ließ. Den fand er aber so toll, dass er einen anderen, mickrigeren Stier dem Gott als Opfer unterschob. Poseidon merkte natürlich den Betrug und sorgte dafür, dass Minos’ Frau Pasiphaë ganz scharf auf den tollen Stier wurde. Bloß, wie soll das gehen?

Da gab es zufällig einen Erfinder am Hofe von Kreta, der hieß Daidalos. Der baute zusammen mit seinem Sohn Ikaros, das ist der, den die Schlagersängerin Nicole mit dem Lied »Flieg nicht so hoch mein kleiner Freund« besang, also Daidalos baute ein hölzernes Gestell, bespannte es mit einer Kuhhaut und Pasiphaë kniete sich da hinein und ließ sich, man glaubt es nicht, vom Stier rammeln. Das Ergebnis war der Minotauros, den später Theseus im Labyrinth abmurkste und dann mit Hilfe des Ariadnefadens wieder hinausfand.

 

Ja, toll trieben es nicht nur die alten Römer, sondern eher die alten Griechen. Das hätte man 1966 einmal dem US-amerikanischen Regisseur Richard Lester und seinem Schauspieler Buster Keaton erzählen sollen, die hätten ihr Musical sofort umgeschrieben.

© Ulli Kammigan, Februar 2013