Die Odyssee 

oder
eine irre Irrfahrt

 

nacherzählt von Ulli Kammigan

   Troja war nach zehn Jahren Krieg besiegt, dank der List mit dem Trojanischen Pferd, die sich Odysseus ausgedacht hatte, und Odysseus machte sich auf die Heimfahrt. Dabei geriet er ständig von einem Sturm in den anderen. Schuld hatte der Meeresgott Poseidon. Der war nämlich von einer seiner vielen Töchter, nämlich von der Meeresnymphe Thetis, aufgehetzt worden, Odysseus das Leben schwer zu machen. Die konnte ihm nicht verzeihen, dass er mit List und Tücke ihren Sohn Achilles zur Teilnahme am Trojanischen Krieg überredet hatte. Und der war dann dort gestorben.

 

Dass der Krieg vorbei war, schien seinen Mannen nicht sonderlich zu passen, überall, wo sie ankamen, machten sie Streit, sie waren ja seit zehn Jahren nichts anderes gewohnt. Ihren ersten Streit hatten sie mit den Kikonen, irgendwo in der Nähe der kleinasiatischen Küste. Sie schleiften die Stadt Ismaros, und die Kikonen rächten sich, indem sie etliche von Odysseus’ Leuten umbrachten. Odysseus haute ab und landete wenig später an der libyschen Küste bei den Lotophagen. Das waren die größten Kiffer der Antike. Weil sie ständig berauscht waren, galten sie als sehr friedlich. Aber einige von Odysseus Leuten ließen sich was von dem Zeug aufschwatzen und wussten danach nicht mehr, ob sie Männlein oder Weiblein waren. Odysseus holte sie mit Gewalt zurück und machte sich schleunigst vom Acker.

Dann gab er sich mit dem Zyklopen Polyphemos ab. Der war nicht etwa auf einem Auge blind, der hatte überhaupt nur eines, und das war auch nicht blind, jedenfalls so lange nicht, bis Odysseus kam. Der wurde nämlich mit seinen Leuten von dem Zyklopen in seine Höhle gesperrt, wo er täglich einen von Odysseus´ Leuten als Horsd’œuvre verspeiste. Das passte Odysseus nicht, er machte den Riesen zuerst besoffen, dann brannte er ihm sein einziges Auge aus und flüchtete mit seinen Leuten unter den Bäuchen von Schafen, die außerordentlich kräftig gewesen sein müssen, wenn sich ein erwachsener Mann in voller Rüstung darunter verstecken konnte. Der blinde Zyklop war außerdem noch ein bisschen blöd, er befummelte seine Tiere nur von oben, weil er dachte, dass Griechen, wenn überhaupt, auf Schafen reiten würden. Auf die Idee, auf Tieren zu reiten, waren die Griechen aber noch gar nicht gekommen; Tiere gehörten nach altgriechischer Tradition nur vor den Streitwagen. Wenn sie mal einen sahen, der auf einem Pferd zu reiten schien, so in der mongolischen Steppe, dann ritt der nicht auf einem Pferd: Er war ein Pferd und zwar eines mit einem menschlichen Oberkörper. Das war ein Zentaur.

Als Odysseus dann wieder auf seinem Schiff im  Wasser war, ließ er sich es nicht nehmen den Riesen noch mal kräftig zu piesacken.

»Ey, Blödmann! Es ist vorbei mit den menschlichen Horsd’œuvres, friss wieder deine Schafe!« Polyphemos heulte auf und wollte wissen, wer ihm das angetan hatte und Odysseus rief zurück, er hieße »Niemand«. Kurz darauf kamen die anderen Zyklopen aus ihren Höhlen gekrochen, es gab offenbar noch mehr davon, und wollte wissen, warum Polyphemos so rumjaulte, hätte ihm jemand was getan? Da jammerte der Bursche, dass »Niemand« ihn geblendet hätte. Dann ist ja gut meinten die anderen und krochen in ihre Höhlen zurück. Polyphemos geriet so in Rage, dass er ein paar Inseln hinter Odysseus herwarf, ihn aber verfehlte.

So blöd sind Zyklopen, deshalb sind sie ja auch später ausgestorben.

 

Der nächste Sturm verschlug unseren Helden nach Aiolia zum Herrn der Winde Aiolos. Der mochte Odysseus irgendwie und schenkte ihm einen großen Schlauch, in welchen er sämtliche Winde, mit Ausnahme des Westwindes, eingesperrt hatte. Den brauchte Odysseus, um in seine Heimat Ithaka zu gelangen. Ithaka kam auch in Sicht, alle freuten sich, nur Odysseus pennte. Seine Leute, wahnsinnig neugierig, obwohl keine Frauen darunter waren, nutzten die Gelegenheit und öffneten den Schlauch. Sie wollten wissen, was der Aiolos ihrem Boss so Schönes geschenkt hatte. Die befreiten Winde, die auch so was ähnliches wie Hexen waren, jauchzten und frohlockten, berieten sich kurz, wann sie wieder zusammentreffen wollten, wenn sie Odysseus zurück nach Aiola gepustet hätten, einigten sich auf Schottland im Jahre 1889, wo sie die Eisenbahnbrücke über den Fluss Tay einstürzen lassen wollten. Aber das ist wieder eine andere Geschichte, die hat Theodor Fontane in seinem Ordner abgeheftet.

Aiolos war überhaupt nicht begeistert, Odysseus wiederzusehen, er hielt ihn für einen undankbaren Klops, der sich den Zorn der Götter zugezogen hatte und verjagte ihn samt seiner Mannschaft.

 

Irgendwie schienen ihn die Menschenfresser zu verfolgen, denn er landete schon wieder bei diesen Zeitgenossen, die sich  Laystrigonen nannten, Riesen waren und sich schon ihre Servietten umgebunden hatten, als Odysseus dort ankam. Als er und seine Leute hinter die Essgewohnheiten der Bewohner kamen, gelang es nur dem Schiff zu fliehen, auf dem Odysseus sich befand. Die anderen wurden mit riesigen Felsbrocken versenkt, die die Laystrigonen hinter ihnen herwarfen. Wem es gelang, an Land zu schwimmen, fand sich kurze Zeit später mit den Riesen bei der Mahlzeit wieder. Allerdings nicht als Gast neben ihnen sondern eher auf deren Tellern.

Thetis, die ja an allem Schuld war, entpuppte sich schon als ein ganz schön rachsüchtiges Weib.

 

Als nächstes verschlug es Odysseus auf die Insel Aiaia zur Zauberin Kirke oder Circe. Die verwandelte erst einmal seine Männer in Schweine, was ihr nicht sonderlich schwer fiel, da bekanntlich Männer sowieso Schweine sind, wenn man den »Ärzten« Glauben schenken darf. Anschließend becircte Circe Odysseus, der dann ein ganzes Jahr lang mit ihr herummachte.

 

Irgendwann einmal stumpft auch der wildeste Sex  ab. Nach einem Jahr hatte Odysseus genug, zwang seine Geliebte die Männer wieder zurück zu verwandeln und machte die Fliege. Circe heulte, sie hatte niemand mehr den sie becircen konnte und schickte ihn in den Hades, das Reich der Toten. Um ehrlich zu sein, er ging freiwillig dahin, er wollte nämlich ein paar alte Kumpel wiedersehen, zumindest deren Geister.

 

Der blinde Seher (!) Teiresias prophezeite ihm seine gesamte Zukunft, aber er hörte wohl nicht richtig zu. Anders lässt es sich nicht erklären, dass er den Rat des Toten in den Wind schlug, ja nicht auf der Insel Thrinakia die Heiligen Rinder des Helios, des Sonnengottes, zu verletzen. Er traf den Geist seiner verstorbenen Mutter Antikleia, die aus Kummer über seine lange Abwesenheit das Zeitliche gesegnet hatte und machte Smalltalk mit Achilles. Überrascht war er, als er auf Agamemnon traf, den Anführer der Griechen im Trojanischen Krieg. Der war noch immer patschnass, weil seine Frau Klytaimnestra und ihr Lover Aigisthos ihn in der Badewanne erschlagen hatten. Sie war nämlich sauer auf ihn, weil sie ihn für die Entführung ihrer Tochter Iphigenie nach Tauris verantwortlich machte. Das Ganze hätte er vermeiden können, wenn er auf die Frauen gehört hätte. Aber griechische Helden hören grundsätzlich nie auf die Frauen, es sei denn, sie sind Göttinnen. Er hatte nämlich nach der Zerstörung Trojas sich die Tochter des Königs Priamos für sein Bett gekrallt. Die war nicht nur jung und hübsch, sondern konnte auch die Zukunft vorhersehen, und hieß Kassandra. Die rief ihm ständig mit ihren Kassandra-Rufen zu, dass er auf keinen Fall zurück nach Mykene kehren solle, denn dort drohe ihm großes Unheil. Er ignorierte sie und ihre Kassandra-Rufe und beendete sein Leben in der Badewanne, was öfter passieren soll, vor allem dann, wenn man ein ehemaliger schleswig-holsteinischer Ministerpräsident war. Hätte er doch bloß auf seine Bettgefährtin gehört, aber im Nachhinein ist man ja immer schlauer.

 

Dann quatschte er noch mit Sisiphos, Tantalos und Herakles, die alle nicht mehr unter den Lebenden weilten.

Sisiphos unterbrach kurz seinen Job, der darin bestand, einen riesigen Felsbrocken einen steilen Berghang hinauf zu wuchten, der, oben angekommen, immer wieder herunterrollte, eine echte Sisiphos-Arbeit.

 

Tantalos, Urgroßvater von Agamemnon, hatte erst einmal laufend Sachen der Götter geklaut, dann hatte er ihnen seinen jüngsten Sohn als Mahlzeit vorgesetzt, um sie auf die Probe zu stellen. Doch die merkten das und stellten den Knaben wieder her. Zur Strafe wurde er in den Hades verbannt. Dort stand er in einem See aus klarem Wasser, das ihm bis zum Hals stand. Sobald er sich niederbeugte, um davon zu trinken, verschwand das Wasser im Boden. Über ihm hingen Zweige, die die verschiedensten leckeren Früchte trugen. Sobald er allerdings davon pflücken wollte, kam ein Windstoß und fegte die Zweige unerreichbar für ihn nach oben. Mit anderen Worten: Tantalos litt Tantalos-Qualen.

 

Ja, und Herakles kennt nun jeder. Nur die Leute aus Hollywood nicht, die können kein Griechisch, die können eigentlich gar nichts, außer vielleicht Englisch. Die übernahmen seinen Namen von den Römern, den konnten sie immerhin aussprechen. Bei den Römern hieß er nämlich Herkules. Die Belgier machten daraus Hercule und gaben ihm den Nachnamen Poirot.

Er war ein Sohn des Zeus, einer von vielen. Zeus war nämlich scharf auf Alkmene, die Frau von Amphytrion. Letzterer war erst einmal abgehauen, weil behauptet wurde, er hätte seinen Schwiegervater Eletryon erschlagen. Das nutzte Zeus schamlos aus, schlüpfte in der Gestalt von Amphytrion zu Alkmene ins Bett und machte ihr ein Kind: Herakles.

Als Hera, die Gemahlin des Zeus', dahinterkam, dass ihr Gatte mal wieder fremdgegangen war – er machte eigentlich kaum etwas anderes –, tobte sie und wurde die ärgste Feindin des Kindes. Alkmene kriegte es mit der Angst zu tun und setzte das Kind aus. Doch Athene, die Göttin der List und Weisheit, Halbschwester von Herakles, sammelte das Gör auf und brachte es zu Hera. Die entwickelte mütterliche Instinkte, sie wusste nicht, wer das Kind war, und gab ihm die Brust.

Der saugte so mächtig an ihrer Brust, dass etliches danebenging und in den Himmel spritzte, seitdem haben wir die Milchstraße. Außerdem wurde er durch die Göttermilch irre stark. Später brachte Athene das Kind zu Alkmene zurück, wo es aufwuchs. Irgendwann bemerkte Hera den Schwindel und schickte zwei Giftschlangen zu dem inzwischen acht Monate alten Kind. Das bemerkte die Schlangen, fand es lustig und erwürgte jede mit einer Hand. Da machte sogar der blinde Seher Teiresias große Augen und prophezeite dem Kind eine große Zukunft.

Berühmt wurde das Kind später als junger Mann durch »die zwölf Arbeiten des Herakles«.

Unter anderem erlegte er den »Nemeischen Löwen«, kleidete sich in dessen Fell, was nicht nur kleidsam war, sondern ihn auch unverwundbar machte, schlug der Schlange »Hydra« alle ihre neun Köpfe ab, mistete einen ziemlich versauten Stall – einen Saustall – aus, indem er einfach zwei Flüsse da hindurch leitete (kann ja jeder) und legte zuerst die Amazone Hyppolyte flach, damit sie ihm ihr Wehrgehänge schenkte, das tat sie dann auch, aber Hera intrigierte herum und Herakles brachte die Amazone sicherheitshalber um, bevor es noch mehr Zoff gab. Dann machte er sich auf nach Gibraltar, dort stand der Riese Atlas und trug die Weltkugel auf seinen Schultern.

Den textete er solange zu, für ihn die »Goldenen Äpfel der Hesperiden« zu pflücken, bis der genervt nachgab, ihn ’mal kurz die Weltkugel tragen ließ und für ihn die Äpfel seines Vaters klaute.

Wenn Halbgötter, und das war Herakles, heiraten, dann tun sie das nicht nur einmal. So auch Herakles. Seine zweite Frau war die Königstochter Deïaneira – Frauen waren immer Königstöchter, Nymphen oder Göttinnen bei den alten Griechen –, die stand auf so Typen mit Waschbrettbauch á la Schwarzenegger, aber war ziemlich eifersüchtig. Als sie mitbekam, dass ihr Gatte ihr eine erbeutete Frau namens Iole vorzog, denn die war ein echt heißer Feger, vergiftete sie ihn mit dem Blut eines Zentauren.

Und da stand er nun im Hades vor Odysseus und sabbelte sich mit ihm einen ab. Eigentlich hatte Herakles sich auf dem Olymp aufzuhalten, denn er hatte Unsterblichkeit erlangt, weil er sich dort mit Hebe, der Göttin der Jugend, zusammentat. Sie war dann seine Dritte, bei den Griechen offenbar nichts Ungewöhnliches. Ungewöhnlich war allerdings, ihn im Hades anzutreffen, da muss Homer irgendwas verwechselt haben.

 

Zurück aus der Unterwelt traf Odysseus auf die Sirenen. Das waren keine Überbleibsel des letzten Weltkrieges, die bei Angriffen der Alliierten furchtbaren Lärm machten, sondern die hockten auf einem Felsen und betörten die Vorbeisegelnden so mit ihrem Gesang, dass die Seeleute ins Wasser sprangen und jämmerlich ertranken. Odysseus wollte jedoch ihren Gesang hören, verstopfte die Ohren seiner Leute mit Wachs und ließ sich am Mast festbinden. Der Gesang war offenbar nicht schlecht, aber deswegen ins Wasser springen und ertrinken? Bei den damaligen Auftritten von Maria Callas oder heute bei Anna Netrebko bringt sich selten einer um. Die Sirenen lockten die Leute wohl eher in die Klippen, weil sie sich den ausgehungerten Seeleuten als nackte hübsche Mädchen präsentierten, so »Loreley-mäßig«. Aber da hätte Wachs in den Ohren wohl wenig genutzt. Nun, Odysseus und seinen Mannen überstanden das Abenteuer und segelten schnurstracks auf Scylla und Charybdis zu. Odysseus hielt sich, auf Anraten von Circe, von dem gefährlichen Meeresstrudel der Charybdis fern, aber kam dabei dem sechsköpfigen Ungeheuer Scylla so nahe, dass dieses sechs seiner Leute schnappte, um sich mit ihnen den Bauch voll zu schlagen.

 

Inzwischen giftete Thetis mächtig ihren Vater Poseidon an, denn Odysseus war immer noch am Leben. Der wollte endlich Ruhe haben vor seiner herumzickenden Tochter und schickte einen Orkan los, der das Schiff von Odysseus zerschmetterte. Odysseus konnte sich als einziger auf einem Floß retten, weil die Göttin Athene hinter dem Rücken von Onkelchen Poseidon ihrem Liebling die helfende Hand reichte und ihn auf der Insel Ogygia an Land setzte. Und damit ihr armer Held sich da nicht so langweilte, schenkte sie ihn ein Nymphchen als Gespielin. Die wohnte dort und betörte ihn durch ihren Tanz und Gesang, den sie auf einer ihrer großen Reisen kennengelernt hatte, denn Nymphen kommen weit herum, schließlich war ihr Vater der schon erwähnte Atlas. Den Leuten aus Trinidad und Tobago hatte sie etwas abgeguckt, das sie nun Odysseus präsentierte; es war der Calypso, den sie hervorragend beherrschte, den sie hieß auch so, nur mit »K«.

 

Bei der Nymphe Kalypso blieb er sieben Jahre. Dann machte Athene bei Zeus Druck. Ihr Onkel, Bruder des Zeus, und Gegenspieler weilte gerade in Äthiopien; was der als Meeresgott dort machte, ist allerdings ein Rätsel. Möglicherweise sorgte er dafür, dass der Blaue Nil wieder ein bisschen mehr Wasser führte. Zeus gab klein bei, denn Athene versprach, ihn nicht bei Hera, seiner Frau, zu verpetzen, er hatte nämlich schon wieder ein Mädchen auf seiner Abschussliste. Die hieß Europa, und er wollte sie, verkleidet als Stier, von Kleinasien auf die Insel Kreta entführen, um sie dort zu vernaschen. Zeus schickte also den Götterboten Hermes, das ist der mit den Flügeln am Helm und der unter anderem auch als Konkurrent der Deutschen Paket-Post auftritt, zu Kalypso und befahl ihr, Odysseus freizugeben. Der baute sich ein Boot, nahm tränenreichen Abschied von Kalypso und ihrem Calypso und segelte von hinnen.

 

Die rettende Insel der Phaiaken war schon in Sicht, da kam Poseidon zurück, sah Odysseus in seinem Boot und zerschmetterte letzteres mit einem Faustschlag. Doch mit Hilfe einiger unbedeutender Meeresgöttinnen erreichte er schwimmend das Ufer. Da entdeckte ihn die dort ansässige Königstochter (schon wieder!) Nausikaa und verliebte sich in ihn, weil er nackt am Strand lag.

Doch er hatte nur noch seine Gemahlin Penélope im Kopf, obwohl die inzwischen zwanzig Jahre älter war und nicht einmal »Cruz« mit Nachnamen hieß. Aber er war ja auch nicht mehr der Jüngste. Also hielt er Nausikaa auf Abstand, was ihren Vater Alkinoos sehr freute, denn er wollte nicht, dass sich seine Tochter mit so einem alten Sack abgab. Er schenkt ihm aus Dankbarkeit ein Schiff und Odysseus erreichte unbeschadet die Gestade von Ithaka.

 

Wer nun denkt »Ende gut, alles gut«, der irrt. Jetzt ging es erst richtig los. In seinem Königshaus wurde nämlich Dauerparty gefeiert. Alle möglichen Söhne reicher Leute aus der näheren und ferneren Umgebung hatten sich dort eingenistet, verprassten sein Hab und Gut und baggerten Penélope an, sie muss für ihr Alter immer noch gut ausgesehen haben. Sie alle wollten die vermeintliche Witwe heiraten und König von Ithaka werden, nebenbei hätten sie auch noch die beträchtlichen Schätze, die Odysseus einst angesammelt hatte, eingesackt.

 

Odysseus verkleidete sich mit Athenes Hilfe, obwohl ihn nach zwanzig Jahren sowieso keiner erkannt hätte, und nistete  sich bei seinem alten und treuen Schweinehirten Eumaios ein. Kurz darauf kam sein Sohn Telemachos dazu und er gab sich zu erkennen. Dann schlich er in sein Haus. Die Freier verhöhnten ihn, weil sie ihn für einen Bettler hielten und er hatte einiges einzustecken.

 

Am nächsten Tag erschien Penélope und verkündete, dass sie denjenigen heiraten werde, dem es gelang, den Bogen von Odysseus zu spannen und dann einen Pfeil durch die Schaftlöcher von zwölf hintereinander stehenden Äxten zu schießen. Vorher hatten Odysseus und sein Getreuen heimlich alle Waffen aus dem Raum entfernt. Keiner der Freier schaffte es überhaupt den Bogen zu spannen. Dann wollte Odysseus es versuchen. Die jungen Leute lachten sich kringelig, aber Penélope bestand darauf. Der Rest ist dann klar, aber horrormäßig. Er schaffte es natürlich, den Bogen zu spannen und er schoss natürlich durch alle Schaftlöcher, dann aber erschoss er zusammen mit seinem Sohn alle Freier und alle ungetreuen Bediensteten, und Penélope und er lebten glücklich bis an ihr Ende, wenn es da nicht noch eine Kleinigkeit zu regeln gegeben hätte. Die Familien, deren Söhne er abgeschlachtet hatte, waren stinkesauer und zogen in die Schlacht gegen Odysseus und seine Getreuen. Doch die unermüdliche Athene trennte die Streitparteien und stellte den Frieden zwischen ihm und seinen Untertanen wieder her, während Zeus derweil nicht nur Europa verführte sondern auch begründete.

 

© Ulli Kammigan, Februar 2013