DANAË (Alexandre Jaques Chantron, 1891)
DANAË (Alexandre Jaques Chantron, 1891)

Perseus, Danaë und das älteste Gewerbe der Welt

 

Altvater Zeus hatte sein göttliches Auge ´mal wieder auf eine junge griechische Schönheit geworfen, nachdem er auf dem Olymp so ziemlich alles, was unter den Göttinnen Rang und Namen besaß, durchgepoppt hatte. Diese Schönheit hieß Danaë und war die Tochter des Herrschers Akrisios in Argos. Dem war jedoch geweissagt worden, dass dereinst sein Enkelkind seinem Leben ein Ende bereiten würde. Weissagen war in der damaligen Zeit das Berufsbild der Zukunft und eine mächtige Konkurrenz für das Orakel von Delphi. Also sperrte er seine Tochter in ein Verlies, das mit bronzenen Türen gesichert und von wilden Hunden bewacht wurde. Doch wenn Zeus scharf auf jemanden war, konnte er sehr erfindungsreich sein, ganz anders als etwa tausendvierhundert Jahre später sein Nachfolger im Vorderen Orient, der sich ziemlich fantasielos seiner Angebeteten als »Heiliger Geist« näherte.

 

Zeus hatte schon etliche Ideen verworfen, in welcher Verkleidung er sich dem Objekt seiner Begierde nähern könne. Ein Stier kam nicht in Frage, der war schon für Europa vergeben, als Schwan hatte er schon Leda überlistet, auch als Ehemann aufzuschlagen wie bei Alkmene, ging nicht. Ehemann von wem auch, denn Akrisios ließ niemanden und nichts in die Nähe seiner Tochter kommen.

 

Als Zeus nun wie ein räudiger Köter heimlich um das Verlies der Danaë schlich, entdeckte er einen Spalt in der Decke der Kammer, und das brachte ihn auf eine Idee.

 

In der folgenden Nacht bemerkte Danaë, wie durch den Spalt in der Decke ein Goldregen auf sie herniederging. Und da sie jemand war, der den Wert des Goldes durchaus zu schätzen wusste, dachte sie bei sich, dass so ein Goldregen es durchaus Wert wäre, die Beine breit zu machen, womit sie damit das älteste Gewerbe der Welt begründete.

 

Neun Monate später kam dann Perseus, der Goldjunge und Sohn des Zeus, zur Welt. Großvater Akrisios kriegte es nun mächtig mit der Angst zu tun und, damit sich die Weissagung nicht erfüllte, setzte er Tochter und Enkelkind so Moses-mäßig in einer Holzkiste im Meer aus. Einfach umbringen konnte er seine Tochter nicht, denn in den Tiefen seiner schwarzen Seele regten sich doch Vater- und Großvatergefühle.

 

Poseidon, Gott des Meeres und Bruder des Zeus hatte Mitleid mit dem kleinen Balg und sorgte dafür, dass Kind und Mutter unbeschadet am Ufer der Kykladeninsel Seriphos angespült (wo auch ein gewisser Ulli K. dreitausendfünfhundert Jahre später anlandete) und vom Herrscher der Insel Polydektes aufgenommen wurden. Letzterer jedoch begann sich für die schöne Danaë zu interessieren und stellte ihr nach. Der heranwachsende Perseus und Diktys, der Bruder von Polydektes, konnten sie eine Zeitlang beschützen. Vielleicht hätte es der Herrscher mal mit ´nem Goldregen versuchen sollen, aber dazu war er wohl zu geizig.

 

Dann machte Perseus den Fehler, dem König zu versprechen, er würde ihm das Haupt der Medusa bringen, wenn er seine Mutter in Ruhe ließe. Medusa war die jüngste der drei Gorgonen, die so hässlich waren, dass vermutlich die fast gleichlautenden Klingonen aus der Star-Trek-Serie von ihnen abstammten. Während man sich mit den Klingonen aber ganz normal, so von Mensch zu Klingone, unterhalten konnte, war das mit Medusa und ihren Schwestern nicht möglich, denn ihre Hässlichkeit bewirkte, dass jeder zu Stein erstarrte, der  in ihr von Schlangen umsäumtes Gesicht blickte. Da hatte Perseus nun ein Problem.

 

Als rettender Engel erschien ihm seine Halbschwester Pallas Athene, Göttin der List und Weisheit und absolute Powerfrau, die offenbar viel Familiensinn besaß – ihrem anderen Halbbruder Herakles hatte sie auch schon aus der Patsche geholfen – und vermachte ihm einen blankpolierten Schild. Dann trifft er noch auf Hermes, den Götterboten, der gerade dabei war, ein Paket vom Otto-Versand als unzustellbar zurückgehen zu lassen. Perseus nahm ihm das Paket ab und Hermes war froh, dass er sich nun die ganze Lauferei ersparen konnte. Auf diese Weise kam Perseus zu einer goldenen Sichel, die eigentlich für einen gewissen Miracolix in einem kleinen gallischen Dorf bestimmt war, der aber noch gar nicht geboren war. Die Sichel benutzte er dann, der Medusa das Haupt abzuschlagen, nachdem er sie im Spiegel des blankpolierten Schildes geortet hatte. So blieb ihm die lästige Versteinerung erspart. Ihr Haupt packte er in einen Sack, damit ihr Anblick die Leute vor weiteren Versteinerungen bewahrte. Das klappte jedoch nicht so ganz, denn Perseus war ein ziemlich streitsüchtiger Typ. Er zoffte sich in der Straße von Gibraltar mit dem König und Riesen Atlas, dessen Job eigentlich darin bestand, die Weltkugel zu tragen, aber im Streit zeigte Perseus ihm das Haupt der Medusa und Atlas erstarrte zu dem Stein, der heute das Atlas-Gebirge Nordafrikas bildet.

 

Ja, und dann traf er auf Andromeda. Das war damals noch keine Galaxie, sondern die Tochter von Kassiopeia. Auch letztere hing noch nicht als Sternbild am Himmel, sondern hatte sich mit dem Meeresgott Poseidon angelegt. Der war sauer und schickte ein Meeresungeheuer, das die ganze Gegend tyrannisierte. Also holte man einen der vielen Seher, die ja wie Pilze aus dem Boden geschossen waren, und der tat kund, dass Poseidon nur zu besänftigen sei, wenn Tochter Andromeda dem Ungeheuer geopfert werden würde. Mit dem Medusen-Haupt erledigte Perseus dann locker das Ungeheuer, heiratete Andromeda und machte ihr einen Haufen Kinder, die Perseïden.

 

Dann kehrte er mit Andromeda nach Seriphos zurück, wo der König Polydektes gerade dabei war, über Danaë herzufallen. Er zeigte ihm das Gorgonenhaupt und hatte danach Schwierigkeiten, den Steinhaufen von seiner Mutter herunter zu wuchten.

 

Auf dem Weg zu seiner ursprünglichen Heimat Argos macht er Rast in Larissa, wo er bei einem Diskuswurf mit der Scheibe aus Versehen den Kopf seines Großvaters traf, der sich zufällig auch dort aufgehalten hatte. Damit der Orakelspruch sich auch ordentlich erfüllte, starb Letzterer daran.

 

Und damit Andromeda und Kassiopeia nicht so allein am Himmel ´rumhängen, bekam auch Perseus dort einen Platz, nämlich im gleichnamigen Sternbild, aus dem jeden August ein Haufen Sternschnuppen auf die Erde regnet, die schon erwähnten Perseïden.

 

© Ulli Kammigan, September 2014