Prometheus

oder die etwas andere
Schöpfungsgeschichte

nacherzählt von Ulli Kammigan

Da gab es einst einen Typen mit Namen Iapetos, der war ein Titan, genauso wie sein Bruder Kronos, der sich von seiner Mutter Gaia beschwatzen ließ, seinen Vater Uranos mit ’ner Sichel zu kastrieren, weil der seine Brut samt und sonders in den Tartaros verbannte, ein ziemlich mieser Ort in der Unterwelt. Bruder Kronos wurde dann Chef der Titanenbande, heiratete seine Schwester Rhea, aber weil er fürchtete, dass seine Brut wiederum dasselbe mit ihm machte, verspeiste er sie sämtlich. Bis auf seinen Jüngsten, den versteckte seine Schwestergattin vor ihm.

 

Der Knabe, mit Namen Zeus, wuchs heran und als er alt genug war, schmiss er seinen Alten vom Thron, zwang ihn, seine Kinder wieder auszuspucken und verbannte ihn. Die Ausgespukten waren ihrem Bruder dankbar und erkannten ihn als den neuen Boss an, allerdings nur, wenn er ihnen etwas von der Welt abgab. Das tat er dann notgedrungen auch. Sein Bruder Hades herrschte über die Unterwelt und das Reich der Toten, obwohl dort noch gähnende Leere herrschte, denn die Götter waren ja unsterblich und Menschen waren noch nicht erfunden. Bruder Poseidon übernahm die Verantwortung für die Weltmeere, seine Schwester Hestia begnügte sich allerdings damit, ewige Jungfrau zu bleiben, obwohl ihr Bruder Poseidon und ihr späterer Neffe Apollon sie mächtig anbaggerten. Dann war da noch Demeter, die war zuständig für Fruchtbarkeit, weswegen Zeus sie erst einmal schwängerte und das daraus entstandene Töchterlein Persephone seinem Bruder Hades vorübergehend zur Frau gab.

 

Zeus war ein ziemlich geiler Bock, aber es gab noch nicht so viele attraktive Göttinnen, Hestia als Jungfrau ließ ihn nicht ran, Demeter hatte er schnell satt, also blieb nur noch seine dritte Schwester. Die hieß Hera und ließ sich von ihm bespringen, bis sie dahinter kam, das Bespringen zu einem Hobby von ihm wurde. Doch da waren bereits ihre Kinder Hephaistos und Ares geboren. Hephaistos übernahm das Feuer und alles, was man damit so schmieden konnte und Ares schließlich ging später unter die Menschen, um sie ständig zu Kriegen anzustiften.

 

Und dann gab es noch Aphrodite, die Schaumgeborene. Die war indirekt eine Tochter von Uranos, dem ja Sohn Kronos sein Gemächt mit ’ner Sichel abgeschlagen und ins Meer geworfen hatte. Blut und Samen vermischten sich im Meer zu einem Haufen Schaum, dem dann die Göttin entstieg und in Zypern an Land ging. Die machte dann heftig mit den verschiedensten Göttern und Halbgöttern herum. Obwohl sie mit dem Gott des Feuers und der Schmiedekunst liiert war, trieb sie es heftig mit Ares, dem Gott des Krieges und es störte sie nicht einmal sonderlich, dass sie mit ihm von ihrem Gatten in flagranti erwischt und den Göttern dabei vorgeführt wurde. Sie bekam fünf Kinder von ihm. Dann krallte sie sich Anchises, einen Fürsten aus der Stadt Troja. Daraus ist Aeneas, ein Held aus dem trojanischen Krieg, hervorgegangen, der später Rom gegründet haben soll und angeblich Stammvater von Gaius Julius Caesar wurde. Sie machte auch mit dem Weingott Dionysos rum. Das Ergebnis war dann Priapos, der Gott der Fruchtbarkeit, ausgestattet mit einem gewaltigen Phallus. Auch mit dem Götterboten Hermes trieb sie es und gebar den Hermaphrodit, ein Jüngling, der sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsmerkmale hatte. Und schließlich verliebte sie sich in den wunderschönen Knaben Adonis, den allerdings ihr eifersüchtiger Lover Ares später bei der Jagd umlegte.

Zeus, dem ihr Lotterleben offensichtlich gefiel, er entdeckte da eine Seelenverwandtschaft, adoptierte sie, obwohl sie ja eigentlich seine Tante war.

 

Doch zurück zum Anfang. Zeus sorgte dafür, dass immer mehr Götter aber vor allem Göttinnen aus dem Nichts auftauchten, damit er wieder jemanden zum Vögeln hatte. So entstanden auch seine Kinder: Athene, Göttin der List und Weisheit, die Zwillinge Artemis und Apollon, sie für die Jagd, er für die Dichtkunst und Musik zuständig, Hermes als Götterbote und Paketzusteller und schließlich Dionysos, der sich mit sieben Fässern Wein zufrieden gab, er war sowieso ständig betrunken.

 

Zu Athene muss man allerdings sagen, dass sie nicht auf normalem Wege zur Welt kam. Zeus hatte die von ihm mit zwei Kindern schwangere Metis verschlungen, da prophezeit worden war, eine Tochter sei Zeus ebenbürtig, ein Sohn werde ihn jedoch stürzen. Kannibalismus war unter den Göttern offenbar weit verbreitet. Als er danach unter großen Kopfschmerzen litt, knallte ihm Sohnemann Hephaistos mit einer Axt einen vorn Latz und spaltete sein Haupt, was er als Göttervater locker überstand. Daraus hüpfte in voller Rüstung Athene. Sie wurde daher als eine Verkörperung des Geistes und damit der Weisheit und Intelligenz angesehen.

 

Die gesamte Titanenbrut hatte nun nichts mehr auf dem Olymp zu suchen, etliche waren sowieso von Zeus abgemurkst oder in den Tartaros verbannt worden. Die wenigen freien Überlebenden langweilten sich jedoch. Dazu gehörte auch ein Sohn von dem anfangs erwähnten Iapetos. Der hieß Prometheus und hatte die Töpferscheibe erfunden. Damit formte er aus Ton Gestalten, die er Menschen nannte, bisher gab es so etwas noch nicht und Prometheus sicherte sich die Alleinvermarktungsrechte. Diesen Tongestalten gab er so allerlei tierische Eigenschaften und besabbelte die Göttin Athene, ihnen Verstand, Vernunft und den göttlichen Odem einzuhauchen. Das tat die dann auch, und Zeus wurde sauer, denn er konnte die Menschen nicht leiden, sie waren ihm von Äußeren her zu ähnlich. Dass später etliche liebreizende Königstöchter dabei für ihn herausspringen würden, die er reihenweise vernaschen konnte, sah er damals noch nicht.

 

Prometheus jedoch scherte sich einen Deut um Zeus, und dessen Verlangen, dass die Menschen den Göttern zu dienen hätten und brachte ihnen so alles bei, was man zum Überleben brauchte. Dann wollte er Zeus auch noch verarschen, indem er ihm als Opfergabe aus zwei Haufen Stierresten auswählen ließ. Beide Haufen waren unter der Stierhaut verborgen, unter dem größeren befanden sich nur die Knochen und ungenießbaren Eingeweide, unter dem kleineren das leckere Fleisch. Er wusste ja, dass Zeus ein alter Gierhals war. Der tat so, als wüsste er nicht, dass er verarscht werden sollte und nahm den größeren. Bevor Prometheus jedoch auch nur dazu kam, voller Schadenfreude dem Zeus ein »Reingefallen« an den Kopf zu werfen, rächte der sich und versagte den Menschen das Feuer. Doch Prometheus zündete eine Fackel am vorbeisausenden Sonnenwagen des Helios an und brachte sie seinen Schützlingen.

 

Nun hatte Zeus endgültig die Nase voll von dem aufsässigen Titanen, schickte ihm und den Menschen eine bildhübsche Jungfrau mit ’ner Blechdose mit Namen Pandora – die Jungfrau hieß so, nicht die Blechbüchse. Die öffnete dann ihr Döschen und heraus kam alles Übel dieser Welt. So ist das mit den Döschen von Jungfrauen.

 

Doch damit nicht genug. Zeus ließ den Titanen in den Kaukasus schleppen, da war damals noch überhaupt nichts los, es bestand also nicht die Gefahr, dass jemand vorbeikam und dem Zeus in seiner Rache dazwischenfunkte. Die bestand nämlich darin, den Erschaffer der Menschheit an einen Fels zu schmieden, ihn ewigen Hunger und Durst leiden zu lassen und dem Adler Ethon, kurz: Adlon, als Nahrung zu dienen. Der fraß nämlich einmal täglich von Prometheus’ Leber, die sich aber immer wieder erneuerte, denn er war ja unsterblich. Nach vielen Jahrhunderten kam dann doch einer vorbei, das war Herakles, Sohn des Zeus, und riss die Ketten aus dem Felsen. Allerdings blieb ein Steinchen des Kaukasus daran hängen und Zeus hatte ’ne Ausrede: Der Titan war immer noch an den Kaukasus gekettet. Dass es eher umgekehrt war, verdrängte der Göttervater geflissentlich, er wollte sich ja vor seinen vielen Betthäschen keine Blöße geben. 

© Ulli Kammigan, März 2013