Die Ilias

(Kampf um Troja)

oder

Zickenkrieg
auf dem Olymp

nacherzählt von Ulli Kammigan

Alles fing damit an, dass Eris sauer war. Eris war eine griechische Göttin und sie war sauer, weil man sie nicht zur Hochzeit eingeladen hatte. Die sollte stattfinden zwischen Peleus und Thetis. Peleus war der König der Myrmidonen und war schon einmal verheiratet. Da er aber so dusselig war, auf der Jagd seinen Schwiegervater zu erschießen, wollte Antigone, seine erste Frau, nichts mehr von ihm wissen und jagte ihn davon.

 

Was macht nun ein Mann, dem die Frau abhandengekommen ist? Er tröstet sich mit einem Nymphchen. Das tat auch Peleus, baggerte die Wassernymphe Thetis an und, weil die Götter auf dem Olymp mal wieder Langeweile hatten, da schon lange keine Party mehr stattgefunden hatte, verdonnerte Zeus ihn dazu, die Nymphe zu heiraten und zur Hochzeit sämtliche Götter einzuladen, und das kann teuer werden. Denn auch Zeus war sauer auf Peleus. Hatte der ihm doch das Nymphchen vor der Nase weggeschnappt, auf die der Göttervater außerordentlich scharf gewesen war. Das war zwar nichts Besonderes, denn Zeus war auf alles scharf, was eine Tunika trug und weiblich war. Jedenfalls freuten sich alle Götter, denn nun konnten sie sich mal wieder die Birne mit Nektar und Ambrosia, dem Getränk der Götter, so richtig vollknallen. Dann machte Peleus einen schwerwiegenden Fehler, er vergaß nämlich Eris einzuladen. Wahrscheinlich hat er das mit Absicht vergessen, denn Eris war die Göttin der Zwietracht, und wer will schon Streit auf seiner Hochzeit haben.

Jedenfalls war Eris sauer und rächte sich. Sie schlich sich unter die Gäste und warf einen vergoldeten Apfel in die Menge und auf dem stand: »Der Schönsten«.

 

Nun ging der Zickenkrieg los. Jede Göttin beanspruchte den Apfel für sich. Man zog einander bei den Haaren, kratzte und kniff sich und zerriss die Kleider. Aus all dem Getümmel kristallisierten sich am Ende drei Siegerinnen heraus: Hera, die Göttermutter und Gemahlin des Zeus, zuständig für Heim und Herd, Athene, die Göttin der List und Weisheit und Aphrodite, die für Liebreiz, Anmut und Schönheit zuständig war. Von den Dreien wollte keine nachgeben, jede beanspruchte den Apfel für sich. Da sprach Zeus ein Machtwort, denn ihm ging das Gezicke mächtig auf den Sack.

 

Er kannte da zufällig einen etwas einfältigen  Knaben, der im Gebirge Ida in der Nähe vom Bosporus Rinder hütete. Der hatte allerdings noch einen zweiten Job: Er war Königssohn und sein Vater hieß Priamos und war König von Troja, einer Stadt, die am Fuße des Gebirges lag, wo er Rinder hütete.

Dieser Knabe sollte die Entscheidung treffen. Er sollte den Apfel derjenigen geben, die die Schönste unter den Göttern war.

 

Das fanden die drei Damen nun gar nicht gut. Ein pubertierender Kuhhirte sollte die Entscheidung treffen? Aber sie mussten sich dem Spruch von Zeus unterordnen. Also versuchten sie es mit Bestechung.

Hera versprach ihm ein glückliches Leben, eine liebe Frau mit vielen Kindern, kurz: das beste Heim und den besten Herd, den man sich nur wünschen kann, wenn er ihr den Apfel zusprach.

Athene wollte ihn zu dem schlauesten und klügsten Menschen machen, noch schlauer als ihr Protegé Odysseus, wenn er sie als die Schönste erküre.

Aphrodite schließlich versprach ihm die schönste und liebreizendste Frau der Welt als Gemahlin, wenn sie den Apfel bekäme.

Dreimal darf man raten, wie sich so ein schwanz-gesteuerter Jüngling entscheidet.

Überraschung! Aphrodite war die Auserwählte.

 

Die Sache hatte aber einen Haken, denn wenn Götter den Menschen etwas versprechen, dann hat das immer einen Pferdefuß. Und dieser Pferdefuß hieß Menelaos.

Die schönste Frau der Welt war wirklich außerordentlich schön, da hatte Aphrodite nicht gelogen, aber sie hatte tunlichst verschwiegen, dass die schönste Frau der Welt, mit Namen Helena, verheiratet war und zwar mit Menelaos und der war König von Sparta.

 

Paris, so hieß der etwas tumbe Rinderhirte und Königssohn, machte sich nicht nur auf nach Sparta, sondern der Helena auch schöne Augen. Die war nicht abgeneigt, denn ihr Gatte war mal wieder, wie so oft, abwesend und so ein junger – Paris war viel jünger als ihr schon leicht angegrauter Gatte –, gutaussehender und unerfahrener Knabe kam ihr gerade recht. Dass er nicht sonderlich helle war, störte sie nicht im Mindesten, sie wollte ja keine Vorträge von ihm hören, sie wollte lediglich das von ihm, was ihr Ehemann aus Zeitmangel ihr etwas zu wenig gab. Und das konnte er und weil sie nicht genug davon kriegen konnte, folgte sie ihm auf sein Schiff und segelte mit ihm nach Troja.

 

In Sparta war natürlich der Teufel los, als Menelaos zurückkehrte und ein verwaistes Ehebett vorfand. Er tobte und verfluchte die Götter, ganz besonders natürlich Aphrodite, denn irgendwer hatte ihm gesteckt, dass sie ihre Finger im Spiel gehabt hatte.

Dann machte er sich auf, seine Kumpel zusammenzutrommeln. Er klapperte ganz Griechenland ab und forderte Unterstützung von seinen ehemaligen Konkurrenten, die nämlich alle auf Helena scharf gewesen waren, bevor sie Menelaos geheiratet hatte. Als erstes  suchte er seinen alten Kampfgefährten und Bruder Agamemnon auf, König von Mykene. Er sollte die Griechen anführen, wenn es auf den Feldzug nach Troja ging. Der war einverstanden, seine Frau Klytaimnestra noch mehr, denn wenn ihr Mann länger abwesend sein würde, könnte sie sich etwas intensiver um ihren Liebhaber Aigisthos kümmern.

 

Dann segelte Menelaos nach Ithaka und überredete den dortigen Herrscher, mitzumachen. Der hieß Odysseus und war frisch verliebt in eine griechische Schönheit namens Penélope. Die hatte ihm gerade einen Sohn, Telemachos, geboren, aber um der alten Freundschaft und der Schönen Helena willen, sagte er zu. Außerdem wurde er gebraucht, um mit List und Tücke einen weiteren Kämpen zu gewinnen. Das war der Sohn der schon erwähnten Thetis, die Meernymphe. Die wollte aber auf keinen Fall, dass ihr Sprössling in den Krieg zog, wahrscheinlich fühlte sie sich irgendwie für den ganzen Schlamassel verantwortlich, auf ihrer Hochzeit hatte das Ganze ja angefangen. Auch hatte sie so eine Ahnung, dass ihr Sohn den Krieg nicht überleben würde. Also steckte sie ihn in Frauenkleider und versteckte ihn am Hof des Lykomedes in Skyros. Dort hatte der Jüngling, trotz Frauenkleider, nichts Eiligeres zu tun, als die Königstochter Deïdameia zu schwängern, die ihm dann auch prompt den Sohn Neoptolemos gebar. Dieser Jüngling in Frauenkleidern hieß Achilles und war bekannt für seine Ferse und die dort befindliche Sehne.

   

Odysseus und ein weiterer Kumpel Diomedes kamen an den Hof und tricksten ihn aus, indem Odysseus eine Kriegstrompete blies und Achilles daraufhin, anstatt als Mädchen erschreckt wegzulaufen, einen Speer ergriff; da war es natürlich aus mit dem Weiberkram. Er zog mit Odysseus davon, und nahm seinen Trainer Phoinix, der übrigens nicht aus einem kleinen Dorf in Gallien kam, und seinen besten Freund Patroklos mit und seine Mutter jammerte erst einmal. Später rächte sie sich, indem sie ihren Vater Poseidon, Gott des Meeres, gegen Odysseus aufhetzte. Aber das ist eine andere Geschichte. Die hat der olle Homer unter dem Stichwort Odyssee abgeheftet.

 

Als Menelaos seine Truppe zusammenhatte, wollte er lossegeln. Ging aber nicht. Es herrschte Flaute. Also holte man einen uralten Sterngucker aus seinem wohlverdienten Ruhestand. Der hieß Kalchas und guckte aber nicht in die Sterne, denn es war ziemlich bewölkt, sondern stocherte in den Eingeweiden eines Tieres herum und tat dann kund, das da so eine Göttin mit Namen Artemis auf ihren obersten Anführer sauer sei, auf den Agamemnon, weil der erstens eine ihr heilige Hirschkuh erledigt und dann auch noch damit vor ihr angegeben hatte. Also verlangte sie, dass der seine Tochter Iphigenie auf dem Altar opfern solle, andernfalls gäbe es keinen Wind. Darüber war seine Noch-Ehefrau Klytaimnestra so sauer, dass sie sich schwor, ihren Alten mit Hilfe ihres Geliebten im Bad zu erschlagen, falls er den Krieg überleben sollte. Was sie nicht wusste, war, dass die Göttin der Jagd, Artemis, Mitleid mit der Tochter hatte und an ihre Stelle eine Hirschkuh auf dem Altar platzierte. Iphigenie entführte sie in ihren Tempel auf Tauris. Das nahm denn ein Grieche namens Euripides zum Anlass, ein Bühnenstück daraus zu machen, und auch Goethe konnte später seine Finger nicht von dem Text lassen.

 

Dann konnten die Griechen endlich lossegeln und der zehn Jahre dauernde Kampf um Troja begann. Als erstes kriegten sich Achilles und Agamemnon in die Wolle, und worum ging es? Natürlich, um Weiber. Jeder hatte eine Frau aus der Umgebung gekidnappt und in sein Bett geholt und alle waren eigentlich zufrieden. Bis sich wieder einmal der Seher Kalchas einmischte. Der verlangte nämlich von Agamemnon, dass er sein Betthupferl Chryseis an den Vater zurückgeben solle, um den Gott Apollon zu besänftigen, denn der Vater war eines der treuesten Fans des Gottes. Aber weil er wusste, dass Agamemnon ein jähzorniger Typ war, klopfte er sicherheitshalber vorher bei Achilles an, damit der ihn beschützen sollte. Agamemnon war natürlich stinksauer, weniger auf den Seher, denn der besaß Abgeordneten-Immunität, sondern vielmehr auf Achilles. Also nahm er ihm seine Bettgefährtin Briseis weg, denn die war auch nicht schlecht. Das konnte er, denn er war der Boss.

 

Achilles maulte, vergrub sich in seinem Camping-Zelt und weigerte sich, weiterhin am Kampf teilzunehmen. Die Trojaner hatten nun Oberwasser.

Als dann allerdings sein bester Freund Patroklos in Achilles´ Rüstung loszog, damit alle dachten Achilles würde wieder mitmischen, und von Hector, das ist der Achilles von Troja und Bruder von dem Weichei Paris, getötet wurde, wurde er so wütend, dass er wiederum Hector erledigte. Doch damit nicht genug. Er wütete anschließend in Ägypten, weil um Troja zurzeit nichts los war, es herrschte Waffenstillstand während der Totenfeier von Hector, und machte sich an die Amazonenkönigin Penthesilea ran, die er erst besiegte und dann vergewaltigte, obwohl sie angeblich nur eine Brust gehabt haben soll, um besser mit Pfeil und Bogen schießen zu können.

 

Ausgerechnet das Weichei Paris brachte Achilles zu Fall. Der schoss einen vergifteten Pfeil auf den griechischen Helden ab, der ihn sicherlich weit verfehlt hätte, wenn nicht Apollon seinen Pfeil gelenkt hätte, der war nicht nur der Gott der Musik, Dichtkunst und des Gesangs, sondern hatte auch noch den Nebenjob als Gott der Bogenschützen. Apollon lenkte ihn genau in seine Achillesferse, das war nämlich seine einzig verwundbare Stelle.

 

Danach stritten sich Odysseus und der Große Ajax um Achilles´ Rüstung. Letzterer war nicht etwa der Chef des Reinigungstrupps der Griechen, sondern auch ein großer Held, er kam gleich hinter Achilles. Die Rüstung war nämlich von Feuergott Hephaistos höchstpersönlich für Achilles geschmiedet worden, und daher ein gewaltiges Objekt der Begierde unter den Griechen. Odysseus gewann den Wettkampf um die Rüstung, aber nicht, weil er stärker war, sondern weil er sich eine Frau zu Hilfe holte. Die entschied dann den Kampf, denn sie war eine Göttin und hieß Athene, und Odysseus war sowieso ihr Liebling. Der Große Ajax verfiel dem Wahnsinn, machte sich erst über eine Herde Schafe her und dann über sich selbst.

 

Ja, und dann konnte Odysseus auftrumpfen. Er erfand das trojanische Pferd. In dessen hölzernem Bauch versteckte er sich mit seinen Mannen und die Griechen zogen zum Schein ab. Irgend so ein abgehalfterter griechischer Kleinkämpfer mit Namen Sinon bequatschte die Troer, so hießen die Leute von Troja auch, das Pferd in ihre Festung zu bringen, denn es sei ein Geschenk der Götter. Die waren so blöd, ihm zu glauben, obwohl die Königstochter Kassandra einen Kassandra-Ruf nach dem anderen losließ. In der Nacht darauf plumpsten Odysseus und seine Gesellen aus dem Pferdebauch, öffneten die Tore der Stadt und die zurückgekehrten Griechen setzten Troja in Brand.

 

Nur wenige entkamen. Einer davon war Aeneas, ein Prinz aus einer Nebenlinie des Herrscherhauses, seine Mutter soll die Göttin Aphrodite gewesen sein. Der segelte bis nach Italien, fuhr den Tiber hinauf und machte den Zwillingen Romulus und Remus die Gründung Roms streitig.

 

© Ulli Kammigan, Januar 2013