Eine kurze Liebesgeschichte                                                              - eine von Tausend -

 

Dieser arrogante Schnösel! Eigentlich konnte sie ihn überhaupt nicht leiden. Sie hatte an der Bar gesessen, vor sich einen Tequila Sunrise. Natürlich war sie in das Lokal gekommen, um Männer kennenzulernen.

Das fiel ihr normalerweise auch nicht schwer. Sie entsprach für viele Männer dem Idealbild einer Frau: tiefbraune Augen, die im Kontrast zu ihren blonden Haaren standen, eine leicht gebogene Nase, die ihrem Gesicht das Aussehen einer klassischen griechischen Göttin verlieh.

Allerdings hatte sie keine Lust mehr auf die andauernden One-Night-Stands. Sie geriet ständig an die falschen Männer. Nach einer Nacht mit so einem Mann hatte sie immer einen faden Geschmack im Mund und war froh wenn die Männer sich schon vor dem Frühstück wortlos aus dem Staub machten. Diesmal hatte sie sich vorgenommen, sich die Kerle nicht schön zu trinken und nicht wieder auf den gleichen Typen hereinzufallen.

Dann saß er neben ihr. Sie warf einen verstohlenen Blick hinüber. Er sollte nicht merken, dass sie ihn betrachtete. Er sah interessant aus: Tiefblaue Augen, leicht gebogene Nase, gepflegter Drei-Tage-Bart und volles dunkles Haar. Der obere Knopf seines weißen Hemdes unter dem hellblauen Jackett, dessen Ärmel umgeschlagen waren, stand offen, sodass der Ansatz seiner Brustbehaarung zu sehen war.

Natürlich hatte er bemerkt, dass sie ihn musterte. Und wie auswendig gelernt kam es aus ihm heraus:

»Wie kommen Sie denn hierher? Und wo haben Sie ihre Flügel gelassen? Hat man Sie etwa aus dem Himmel verbannt?«

Sie verdrehte die Augen. Eine derart plumpe und abgedroschene Anmache hatte sie schon lange nicht mehr gehört. Sie wandte ihm demonstrativ den Rücken zu. Doch er ließ nicht locker.

»Darf ich Ihnen einen Drink spendieren? Einen Tequila Sunrise?«

Sie drehte sich ihm zu, sah ihm in die Augen und fauchte: »Lassen Sie mich in ...« Weiter kam sie nicht. Mein Gott! Diese Augen, dachte sie. So strahlend. Von so einem intensiven Blau, dass sie sich darin hätte verlieren können. Abrupt wandte sie sich ab. Nein! Sie würde nicht wieder schwach werden. Außerdem hatte sie einen kurzen Blick auf sein Handgelenk werfen können. Eine goldene Uhr. Cartier oder so ähnlich. Genau der Typ Mann, den sie nicht ausstehen konnte. Wenn er nur nicht diese Augen hätte. Erneut warf sie einen Blick in seine Augen – und wurde schwach. Also gut! Einen Drink. Und danach würde sie aufstehen und gehen.

Sie blieb sitzen. Auch beim dritten Drink. Sollte er doch ordentlich löhnen. Die Cocktails hier waren nicht gerade billig. Er wollte ihr einen vierten bestellen, doch sie lehnte ab, rutschte von ihrem Hocker und wollte gehen. Doch die Beine versagten. Sie knickte ein. Bevor sie jedoch auf den Boden glitt war er aufgesprungen und fing sie auf. Einen kurzen Augenblick genoss sie es, in seinen Armen zu liegen. Dann riss sie sich zusammen und befreite sich aus seiner Umarmung.

»Darf ich Sie nach draußen begleiten. Ich möchte nicht dass Ihnen etwas passiert. Die Hitze draußen könnte Sie umhauen.« Wieder musste sie in seinen Augen schauen, schüttelte energisch den Kopf und sagte: »Meinetwegen.« 

»Ich bin Stefan«, sagte er, »verrätst du mir wie du heißt?«

»Ulrike«, war ihre knappe Antwort. Sie ärgerte sich. Warum hatte sie seine Begleitung nicht abgelehnt.

Draußen legte er seinen Arm um ihre Schultern. Sie wollte sich herauswinden. Aber es fühlte sich so gut an. Also ließ sie es geschehen.

Dann standen sie vor ihrer Haustür. Er fasste ihre Hände und sah ihr in die Augen. Und sie beging den Fehler, seinen Blick zu erwidern.

 

Später lag sie wohlig neben ihm. Und erstaunt. Erstaunt deswegen, weil es so wie mit ihm noch mit keinem Mann war. Sie, die immer gern die Kontrolle behielt, hatte sich zum ersten Mal völlig gehen lassen. Wie konnte das geschehen? Hatte sie sich etwa verliebt? Oder trug der Alkohol die Schuld?

Sie richtete sich halb auf und betrachtete ihn, wie er schlafend neben ihr lag. Dabei hatte sie ein eigenartiges Gefühl in der Bauchgegend. Schmetterlinge. Doch Schmetterlinge und Alkohol passen nicht zusammen. Schmetterlinge mögen keinen Alkohol. Also doch verliebt?!

Beim Schmetterlinge-Zählen ist sie dann eingeschlafen.

 

Als sie aufwachte war der Platz neben ihr leer. Na toll, dachte sie, das war´s denn wohl. Er hat sich davongemacht. Eigentlich schade. Sie fand ihn nett.

»Der Kaffee ist fertig!«

Was war das denn? ... In der Tür stand ein nackter Mann und hielt ein Tablett mit zwei Bechern dampfenden Kaffees. Ihr Herz vollführte einen Salto.

Und erneut war es so, wie es bisher noch mit keinem anderen Mann war.

Danach wollte sie es aber doch wissen. Wie ist er bloß auf diese blöde Anmache in der Bar gekommen?

Er erzählte ihr, er wäre eigentlich furchtbar schüchtern und hätte sich nie getraut, ein Mädchen oder eine Frau anzusprechen. In so etwas sei er völlig ungeübt. Da hätte ihm sein bester Freund ein paar Sprüche aufgeschrieben, die sollte er auswendig lernen, und ihn dann in die nächste Bar geschubst. Sie könnte es sich gar nicht vorstellen, welch eine Überwindung es ihn gekostet hätte.

Das fand sie süß. 

Ein drittes Mal war es so, wie es bisher noch mit keinem anderen Mann war.

Nachdem sie noch eine Zeit lang nebeneinander gelegen hatten, gewann dann doch ihr Kontroll- und Ordnungssinn die Oberhand. Sie erhob sich, um die überall herumliegenden Kleidungsstücke aufzusammeln. Als sie seine blaue Jacke aufnahm und auf die Stuhllehne hängen wollte, fiel etwas aus der Tasche und kullerte über den Boden.

Sie erstarrte. Wie betäubt hob sie den Ring auf: »Sabine 6.6.16«. Sie war unfähig, auch nur ein Wort herauszubringen. Dann löste sich ihre Verkrampfung und sie schrie:

»Du elendes Schwein! Schüchtern? Und völlig ungeübt? Das ich nicht lache! Du verlogene Ratte! Raus aus meinem Bett und verschwinde! Auf Nimmerwiedersehen!« Damit warf sie ihm den Ring ins Gesicht.

Hilflos sah er sie an: »Ulrike! Es ist nicht so wie du denkst!«

Das brachte sie vollends in Rage. Ausgerechnet dieser Satz: ›Es ist nicht so, wie du denkst.‹ Wie oft hatte sie diesen Satz schon gehört oder gelesen. In jedem billigen Liebessroman oder Film sagte ER diesen Satz: ˘Es ist nicht so, wie du denkst!‹

Sie schrie erneut: »Es ist genauso wie ich denke! Du Arsch! Wenn du nicht sofort verschwunden bist, ramm ich dir ein Messer zwischen die Beine!« Damit rannte sie in die Küche, riss die Schublade auf und griff nach dem Brotmesser.

Die Augen voller Mordlust taumelte sie zurück ins Schlafzimmer. Er stand neben dem Bett und schlüpfte in seine Hose.

Sie hastete zur Haustür, riss sie auf, und brüllte, während sie drohend mit dem Messer fuchtelte: »Raus!«. 

Er hüpfte mit einen Bein in der Hose ins Treppenhaus. Mit lautem Knall warf sie die Tür hinter ihm zu, öffnete sie erneut und warf seine restliche Kleidung und die Schuhe hinterher. Erneut knallte die Tür. Dann sackte sie im Flur zusammen und heulte. Warum musste sie immer an den falschen geraten? Diesmal hatte sie wirklich geglaubt, es sei anders. Und es war ja auch anders gewesen. Aber der blöde Anmache-Spruch und die Uhr hätten sie warnen müssen.

Kurz darauf klingelte es. Traute der Arsch sich etwa wieder hierher? Sie riss die Tür auf und wollte erneut zu einer Schimpfkanonade ansetzen. Doch eine junge Frau stand vor der Tür: wirres blondes Haar, unsteter Blick, und giftete sofort los. Sie solle doch gefälligst ihren Mann in Ruhe lassen. Sie habe zufällig gesehen wie er halb bekleidet aus der Wohnungstür gestürmt sei.

Die Fremde zischte bösartig: »Wenn ich dich noch einmal mit ihm erwische, kratze ich dir die Augen aus, du Schlampe!«  Sie war sprachlos und kam gar nicht dazu, zu erklären, dass ihr nichts an dem Mann läge, vor allem deshalb nicht, weil er verheiratet war und dies verschwiegen hatte. Die Frau drehte sich abrupt um und verschwand hocherhobenen Hauptes im Treppenhaus.

 

Es dauerte eine Woche, bevor sie sich wieder auf die Piste traute. Diesmal wählte sie eine Bar weiter entfernt. Sie wollte ihm auf keinen Fall begegnen.

Wieder setzte sich nach kurzer Zeit ein Mann neben sie und wieder warf sie einen verstohlenen Blick zur Seite: schütteres Haar, Augenfarbe irgendwo zwischen blau, grau und grün, fliehendes Kinn. Von diesem Typen drohte ihr keine Gefahr, er war eher etwas zum Abgewöhnen.

Er sprach sie an. »Entschuldigen Sie bitte. Ich will Sie auf keinen Fall anmachen. Ich bin auch verheiratet.« Dabei streckte er ihr seine Hand mit dem Ringfinger entgegen. Er fuhr fort: »Aber ich habe Mist gebaut. Großen Mist! Und hätte gern jemanden zum Reden. Es reicht auch wenn Sie nur zuhören.«

Sein Dackelblick stimmte sie gnädig und sie deutete ein Nicken an. Die Bar war sowieso nahezu leer. 

Stockend kam es aus ihm heraus: »Wissen Sie. Mein bester Freund. Ich hab sein Leben versaut. Eigentlich wollte ich ihm nur helfen. Aber das ist restlos in die Hose gegangen. Er ist wirklich ein ganz Lieber. Nur hat er Probleme mit Frauen. Frauen gegenüber ist er so was von schüchtern und völlig hilflos. Da dachte ich, ich helfe ihm ein bisschen auf die Sprünge. Ich hab auf einen Zettel etliche Sprüche geschrieben, mit denen man eine Frau anmachen kann. Die sollte er auswendig lernen. Das hat er dann widerwillig auch getan. Und falls etwas schief gehen sollte und damit er sich dann aus der Affäre ziehen könnte, wollte ich ihm meinen Ehering geben, den er dann bei passender Gelegenheit vorzeigen könnte. Das hat er aber abgelehnt.«

»Dann«, fuhr er fort, »musste ich ihn gewaltsam in die nächste Bar schieben. Er wollte, dass ich mitkomme. Aber das konnte ich nicht machen, ich bin ja schließlich glücklich verheiratet.

Ich habe ihn erst am Tag darauf wiedergesehen und habe natürlich sofort gefragt ob er Erfolg gehabt habe. Aber anstelle einer Antwort hat er mir die Nase blutig geschlagen und mich dabei angebrüllt, was ich mir dabei gedacht hätte, meinen Ehering in seine Tasche zu stecken.«

Während sie bisher eher teilnahmslos seiner Erzählung gefolgt war, wurde sie auf einmal hellwach und murmelte: »Sabine 6.6.16«.

Aber das schien er nicht gehört zu haben und fuhr fort.

»Seinen wütenden Ausführungen habe ich dann entnommen, dass er wohl eine Frau kennengelernt hatte. Und das muss wohl die Frau überhaupt gewesen sein.« Er habe mit ihr die schönste Nacht seines Lebens verbracht und habe sich dabei unsterblich in sie verliebt. Am Morgen habe sie dann den Ring gefunden und ihn umgehend rausgeschmissen. Er wäre nicht einmal zu Wort gekommen, so wütend wäre sie gewesen.

Genauso wütend sei sein Freund auf ihn gewesen, denn er habe es vermasselt mit seinem Ring.  Und dann habe er ihm die Freundschaft aufgekündigt.

 

Betrübtes Schweigen. Minutenlang.  Wiederholt murmelte sie: »Sabine 6.6.16.«

Überrascht schaute er sie an. »Sie kennen den Ring? Sie wissen was auf der Innenseite steht?«

»Ja, ich bin die, die ihn rausgeschmissen hat. Aber da gibt es etwas, das ich nicht verstehe: Warum trägt er so eine protzige Uhr. Das passt doch gar nicht zu dem, wie Sie ihn beschrieben haben. Außerdem ist er verheiratet. Ich habe seine Frau kennengelernt: Aschblondes Haar, leicht verwirrter Blick. Sie stand wenig später vor meiner Tür und bedrohte mich.«

»Ach die! Das ist nicht seine Frau. Er war wohl einmal etwas zu freundlich zu ihr. Aber es war nichts weiter zwischen ihnen. Seitdem verfolgt sie ihn auf Schritt und Tritt und macht tausende Fotos. Schon seit einem Jahr. Er hat sie angezeigt. Seitdem darf sie sich ihm nicht nähern. Sie muss einen Mindestabstand von fünfhundert Metern einhalten. Aber sie hält sich nicht daran und hat schon zweimal eine Geldstrafe bekommen. Und die goldene Uhr gehört mir. Die hab ich ihm geliehen. Ich dachte, die würde Eindruck auf Frauen machen.«

Sie sah ihn an und schüttelte innerlich den Kopf. Eine goldene Uhr und Eindruck auf Frauen machen? Und dann die Sprüche! Von Frauen schien er absolut nichts zu verstehen. Ausgerechnet er wollte seinem Freund in Bezug auf Frauen unter die Arme greifen. Das musste ja schiefgehen.

»Was macht er jetzt? Wo kann ich ihn finden?«, wollte sie dann wissen.

Der Mann überlegte einen Moment. »Da heute Samstag ist und er nicht arbeiten muss, wird er zu Hause sitzen und Trübsal blasen.«

»Können Sie mich zu ihm fahren?«

»Sie wissen gar nicht was ich lieber täte. Kommen Sie. Mein Auto steht um die Ecke.«

 

Dann stand sie vor seiner Tür.

Er öffnete. Sie standen sich gegenüber. Sie stürzte auf ihn zu und er schloss sie in die Arme und wollte sie nicht wieder loslassen. Und sie wollte immer diese Arme um sich spüren. Der anschließende endlos lange Kuss aktivierte eine Armada von Schmetterlingen in ihrem Bauch und ließ die Welt um sie herum verschwinden.

Copyright tatsächlich bei Ulli Kammigan,

könnte aber auch von SIRI oder ALEXA diktiert sein.