Mail 13

 

Wir sitzen am Flughafen in Auckland und hier ist Internet frei. Da wir noch Zeit bis zum Boarding haben, kann ich noch 'mal kostenlos in die englische Tastatur hauen. Erst einmal »Frohes Neues Jahr!«

 

Wir waren die ersten, die das Neue Jahr auf diesem Globus begrüßten, denn wir liegen unmittelbar hinter der Datumsgrenze. Wir haben es aber fast verschlafen, da wir um halb fünf Uhr morgens aufstehen mussten. Aber um 12 war so viel Lärm auf der Straße, dass wir wach geworden sind und aus unserem Hotelfenster geguckt haben. Es gab überm Hafen ein Feuerwerk und überall liefen junge Leute schwer angeschlagen durch die Straßen und grölten. Privates Feuerwerk gibt es hier nicht. Auch heute Morgen, als wir mit dem Taxi zum Flughafen fuhren, waren die Straßen immer noch voll mit angeschickerten Youngstern. Während ich hier im Jahre 2012 um sieben Uhr morgens in die Tasten haue, ist bei euch immer noch das alte Jahr und ihr trefft euch vielleicht gerade zum Silvester-Essen.

 

Ihr seid wirklich mächtig in der Zeit zurück!

 

Mail 14 - das Allerletzte

 

Nach siebeneinhalb Wochen zurück in Hong Kong: Der Schock. Vom dünn besiedelten Neuseeland und noch dünnerem Fiji ins überbevölkerte Hong Kong. Die Chinesen müssen sich während unserer Abwesenheit weiterhin kräftig vermehrt haben.

 

Unser Zimmer in unserem eher kleinen Hotel ist recht eng, für chinesische Verhältnisse offenbar aber ein Salon. Wir wollen gleich 'mal die 29. bis 32. Etage erkunden. Dort befinden sich Pamorama-Lounge, -Schwimmbad und -Fitnesscenter. Der Blick von unserem Zimmer auf Hong Kong Island geht über den Victoria-Park – mit echten Bäumen – hinüber über das Wasser nach Kowloon, dem Zentrum von Hong Kong.  

Und im Victoria-Park dann das Allerverrückteste: Um 10 Uhr morgens sieht man zwei Langnasen mit lauter Chinesinnen, im Alter von 30 bis 70 Jahren, Cha-Cha-Cha tanzen!

 

Und das kam so: Wir machen uns auf, Hong Kong Island zu erkundigen, und gehen erst einmal durch den Victoria Park gegenüber. Überall joggende, thai chi, kao lung und jington diddeldi peu gymnastizierende Chinesen! Aus einer Ecke dringt Musik. Hier steht eine Gruppe von 10 Frauen, die nach Musik Bewegungen  machen, die schon sehr an Cha-Cha-Cha erinnern.

 

Wir sehen uns das eine Zeitlang an. Dann gehen wir zu der Dame, die offenbar das Sagen hat und fragen, ob das Cha-Cha-Cha sei, was sie da machten und ob wir mitmachen dürften. Ja, gern, sagt sie, aber sie könnten das noch nicht so richtig. Wir fragen sie, ob sie einmal sehen wollten, wie Cha-Cha-Cha in Europa und Amerika getanzt würde? Und das wollen sie natürlich. Sie sind begeistert und alle wollen sofort alles gezeigt bekommen.

Also sieht man morgens um zehn zwei deutsche Langnasen und zehn Chinesinnen im Park von Hong Kong Cha-Cha-Cha tanzen. Das war schon sehr skurril! Uns passieren aber auch immer die unmöglichsten Sachen! Und morgen haben wir ein Date mit 10 Chinesinnen.

Nachmittags erleben wir tausende von jungen Chinesinnen im Kaufrausch. In der Kaufhausmeile ist etwa nur jede fünfzigste älter als 30. Meine beste Hälfte, obwohl schon ein bisschen über 30, wird angesteckt und ersteht ein Paar Schuhe (na klar!) und eine Fake-Tasche, die aussieht, wie ein Einkaufsbeutel. Aber sie findet sie toll, vor allem aber den Preis, umgerechnet 6,90 Euro.

Ich weise sie darauf hin, dass bei uns im Supermarkt der Plastikbeutel nur 10 Cent kostet, aber dafür hat sie überhaupt kein Verständnis.

 

Abends essen wie spottbillig beim einzigen Chinesen im Viertel, dessen Speisekarte englische Untertitel hat. Wir sind auch die einzigen Touristen hier, und ebenfalls die einzigen über 30.

 

Der nächste Tag: Rendevouz mit neun Chinesinnen, eine ist nicht gekommen. Und dann merke ich, dass, bis auf eine, nämlich die jüngste, keine der Damen auch nur ein Wort Englisch spricht. Sie hatten gestern alle immer gestrahlt wie Honigkuchenpferde, ständig »hai, hai« gesagt, obwohl im Victoria Park definitiv kein Hai anzutreffen ist, und einfach alle Schritte nachgemacht. Und ich hatte mir einen abgebrochen mit meinem Englisch für Tanzschritte!

Später geht es mit der Fähre nach Macau. Die entpuppt sich als Turbo-Jet-Fähre, die mit einem Affenzahn in einer Stunde über das Südchinesische Meer nach Macau düst, und innen eher einem Flugzeug gleicht, als einem Schiff. Also kommt erst gar nicht ein »Ferry-to-Hongkong-Gefühl« auf, mit Curd Jürgens, Orson Wells und Sylvia Sims.

Macau ist nicht so mein Ding: Die schrillsten Spielbank-Hotel-Paläste, in denen die Chinesen ihrer exzessive Spielsucht frönen können. Aber das liegt auch daran, dass ich mich nicht so recht fühle. Der Pilot des Flugzeugs von Sydney nach Hong Kong hatte nämlich seine Maschine mit einem Eisschrank verwechselt. Ich fror wie ein Schneider. (Wieso frieren Schneider eigentlich?) Ich packte mich dann später, leider zu spät, wie eine Schildkröte in Wolldecken ein, aber zum Essen und Trinken musste ich meine Vorderfüße und meinen Kopf aus dem Wollpanzer herausstrecken. Also habe ich mir eine richtige Erkältung eingefangen. Und Halsschmerzen und Macau zusammen sind nicht so der Hit.

Letzter Tag und letzte Möglichkeit, ein Bad in der Menge zu nehmen. Und wir kommen doch noch zum »Fähre-nach-Honkong«-Feeling. Wir nehmen erst die Straßenbahn, ein absolutes Highlight, und dann die Fähre von Hong Kong Island nach Kowloon. Kostete glatte 5 HK$ für uns beide, etwa 50 Cent.

 

Dann schlägt meine Frau  noch ’mal zu. Noch ’ne Handtasche, diesmal für den stolzen Preis von 150 HK$. Dafür bekommt sie im Nachbargeschäft das Paar Schuhe zum halben Preis, statt 220 HK$ nur 110 HK$, etwa 11 Euro! Sie ist happy, und »ich habe Rücken«, vom vielen Rumstehen. Die sind hier noch nicht so weit wie die Aussies und Kiwis, die in den Schuh-, Handtaschen- und Damenbekleidungsgeschäften »Männer-Abstell-Plätze« eingerichtet haben.

 

Nun sitze ich in der Qantas-Lounge, es ist sieben Uhr morgens, bei euch also 12 Uhr nachts. Unser Flug geht um 8, und ich hoffe, dass nichts Ungewöhnliches mehr passiert.

 

© Ulli Kammigan 2012