Madeira

Die Landung ist schon gewöhnungsbedürftig. Die kurze Landebahn steht überwiegend auf Stelzen im Meer. Unser Flugzeug legt sich mächtig auf die Seite, um zwischen Bergen und Meer eine enge Schleife zu fliegen. Es sieht so aus, als wollte es im Meer wassern. Doch dann ist unvermittelt die Landebahn unter uns, der Pilot stellt volle Kraft auf Gegenschub und wir werden aus den Sitzen nach vorn gedrückt.


Bem-vindo a Madeira!


Ein Shuttle-Bus klappert zu einem günstigen Preis alle Hotels ab, die der Fahrer genannt bekommt, das erspart das Taxi. Kurz darauf im Hotel die große Enttäuschung: Man sei leider völlig ausgebucht und wir könnten unser Appartement erst am folgenden Tag beziehen. Das vorläufige Zimmer sei zwar auch recht schön, habe ebenfalls Meerblick, aber eben in zweiter Reihe und nicht in dem runden Gebäude vorn auf der Klippe. Man gibt sich untröstlich, verspricht aber, dass am nächsten Tag eines der besten Appartements für uns zur Verfügung stünde und als Entschädigung erhalten wir einen Gutschein für ein viergängiges Moonlight-Dinner á la carte inklusive Getränke im exklusiven Restaurant. Damit können wir leben, zumal wir nur Übernachtung und Frühstück gebucht haben.


Und sie haben nicht gelogen. Das erste Zimmer ist groß, mit Bett, zwei Sesseln und Tisch, einer Küchenzeile, Bügeleisen, Bügelbrett und Safe. Doch das Appartement am zweiten Tag haut uns um. Oben, vom neunten und letzten Stockwerk schauen wir von unserem zwölf Meter langen Balkon, der vom Wohnzimmer wie auch vom Schlafzimmer zu betreten ist, nach Süden weit aufs Meer – unter uns die Klippen –, und im Osten breitet sich an den Berghängen die Hauptstadt Funchal vor uns aus. Ganz besonders nachts ein überwältigender Anblick. Allerdings gibt es weder Bügeleisen noch -Brett. In Luxusappartements wird eben nicht gebügelt, und der Safe ist kaputt. Naja, man kann nicht alles haben.

Die Badestelle im Atlantik - oben von unserem Balkon
Die Badestelle im Atlantik - oben von unserem Balkon

Wir erkunden die nähere Umgebung. Der Pool auf den Klippen hat Ullis Wohlfühltemperatur: 26 Grad Celsius. Einige Leitern führen von Beton-Podesten mitten in den Atlantik, der mit 23 Grad viel zu kalt ist. Aber sich auf Madeira aufhalten und nicht im Atlantik geschwommen zu sein, das geht gar nicht. Also überwindet Ulli sich, stürzt sich in den Ozean und schreit Zeter und Mordio.


Vor dem Hotel buhlt ein Restaurant nach demselben um unsere Gunst als zahlender Gast und Gästin. Die Koberer treten sich fast auf die Füße. Und genau gegenüber ist ein riesiger Supermarkt. Aber was am Wichtigsten ist: Das Nachbarhotel hat fast jeden Abend Life-Musik mit Möglichkeit zum Tanzen. Auch bei uns gibt es hin und wieder Life-Musik. Tatsächlich sitzt an zwei Abenden in der Woche ein Mann in der Hotel-Bar, gähnt ein Klavier an und das Klavier gähnt zurück. Tanzen geht nur, wenn man einen Stuhl beiseite schiebt und sich mit einer ein Quadratmeter großen Fläche begnügt. So Steh-Blues-mäßig.

 

Am folgenden Tag, nach dem Umzug, ist die mittlere Umgebung dran: Bus besteigen und Foto-Tour in Funchal. Am Kai hat ein Hochhaus aus Steilshoop festgemacht (für Nicht-Hamburger: Steilshoop ist die älteste Plattenbausiedlung in Hamburg). Irgendwie kann es schwimmen. Nennt sich Costa Dingsbums. Das gehört zu denen, die vor italienischen Inseln auf Grund laufen. Jetzt aber laufen lauter Kreuzfahrer herum, die diesmal nicht Jerusalem erobern, sondern Funchal ergründen und statt Schwerter den Geldbeutel zücken. Wir flüchten und fahren lieber am nächsten Tag mit der Drahtseilbahn fünf Kilometer hoch nach Monte, wo die Korbschlittenfahrer nur darauf warten, uns durch Funchals Gässchen und Gassen im Affenzahn wieder nach unten zu befördern. Wir haben´s überlebt und morgen treffen wir Kolumbus.  

Cristóvão Colombo ist nicht erschienen. Dafür aber Santa Maria, sein Flaggschiff. Es ist ein fast originalgetreuer und keineswegs kitschiger Nachbau des Kolumbus-Flaggschiffs. Das haben wir gebucht. Um halb elf geht es unter Motorkraft hinaus und draußen werden Segel gesetzt, denn der Wind kommt von Achtern. Die Schiffe damals konnten noch nicht gegen den Wind kreuzen, sie waren also auf Rückenwind angewiesen. Es ist schon ein tolles Gefühl fast geräuschlos durch die Wellen zu gleiten. Nur ab und zu knarzt das Holz des Schiffsrumpfes. Die Karavelle oder auch Karacke (das ist nicht genau geklärt) ist knapp 24 Meter lang und weniger als 8 Meter breit. Ich sitze auf dem zweiten Deck des Achterkastells und stelle mir vor, wie auf diesem kleinen Schiff Kolumbus mit 39 Mann Besatzung über ein halbes Jahr lang unterwegs ins Ungewisse war.

Nach einer Stunde Fahrt ankert die Santa Maria vor dem Cabo Girão, mit über 580 Metern eine der höchsten Steilküsten der Welt und man überbietet sich, von immer  höheren Decks ins Wasser zu springen.

Am Abend haben wir uns ein Restaurant in der Nähe ausgesucht mit einer Madeira-Spezialität: Espada, auf Deutsch Degenfisch! Diesen Tiefseefisch gibt es nur im Atlantik um Madeira herum und in Japan. Sieht gruselig aus. Vorn, über einem Gebiss aus lauter spitzen und scharfen Zähnen, glotzen riesengroße Augen. Der Körper gleicht dem einer Muräne oder einem Aal Größe XXL, ist knapp einen Meter lang, pechschwarz und sehr, sehr lecker. Dazu gibt es gebackene Bananen und Poncha, ein Mixgetränk aus Honig, Zitronensaft und Zuckerrohrschnaps. Hier lässt sich´s leben.

Trotzdem muss Ulli mal wieder einen ablästern.

Auf Madeira ließen sich ab dem 16. Jahrhundert englische Weinhändler nieder und prägten die Kultur. Tourismus kam erst sehr spät im Gange. Madeira galt lange als Geheimtipp für Reiche – vor allem – Engländer. Die Insel war lange Zeit nur mit Wasserflugzeugen zu erreichen. Die Nachbarinsel Porto Santo hatte dann ab 1960 einen kleinen Flughafen. Um nach Madeira zu gelangen, musste man anschließend eine dreistündige Schiffspassage in Kauf nehmen. 1964 wurde der Flughafen auf Madeira eröffnet, aber die Landebahn war bald zu kurz für die großen Ferienflieger. Erst 1985 wurde sie verlängert und damit war das Reiseziel Madeira nicht mehr nur einer kleinen Oberschicht vorbehalten.


Warum erzähle ich das alles?


Wegen der Brötchen zum Frühstück. Die ersten Tourismus-Hotels waren geschlagen mit der englischen Esskultur. Und von diesem Schlag scheinen sie sich bis heute nicht ganz erholt zu haben. Denn die Brötchen zum Frühstück im Hotel sehen zwar lecker und knackig aus: Very continental! Aber fasst man sie an, hat man Gummi in der Hand. Nicht ganz so schlimm wie englische Brötchen oder gar das Toastbrot. Das kann man in die Länge ziehen und seinen Pferdeschwanz damit zusammenbinden.


Und wenn man bedenkt, was es alles für exotische und uns unbekannte Früchte auf dem Markt gibt – wir haben das gestern bestaunen können –, dann ist die Auswahl hier im Hotel eher Standard: Diverse Melonensorten, Ananas, Bananen, Mango.

Aber ich will nicht meckern. Unsere Unterkunft ist spitzenmäßig und wir gehen jeden Abend woanders essen und probieren »endemische« Gerichte aus; also solche, die nur hier wachsen – J. Wir finden auch immer wieder Nachbarhotels, in denen es Life Musik gibt und wir das Tanzbein schwingen können.


Nur das mit dem Candlelight-Dinner war dann nicht so der Hit. Es begann um 19 Uhr, also bei noch hellem Tageslicht und das Candlelight bestand aus einem kleinen Teelicht. Das 4-Gänge-Menue war in Ordnung, nur die Bedienung wollte einen neuen Rekord aufstellen: Wie schnell schaffe ich es, den leeren Teller abzuräumen und den nächsten Gang zu servieren! Die waren äußerst flink. Da blieb nicht einmal Zeit, zwischen den Gängen ein paar Worte mit den netten Tischnachbarn aus England zu wechseln. Naja, einem geschenkten Gaul ... Aber das nette ältere Paar aus England hatte 36,50 € pro Person für den Versuch des Personals bezahlt, ins Guiness-Buch der Rekorde zu kommen.

 

Der nächste Tag.

In den Bergen mit Blick über die Bucht von Funchal liegt der botanische Garten. Ganz besonders hat es der Palheiro Garten, die Anlage der gleichnamigen Familie, meiner besseren Hälfte angetan. Jede Blume und jeder Grashalm muss fotografiert werden. Und es gibt tolle Grashalme auf Madeira.

Aber nicht nur Gärten liegen in den Bergen, sondern auch Wolken. Und da stecken wir mittendrin. Keine zwanzig Meter weit ist die Sicht und wir schleichen im zweiten Gang durch den Nebel. Die Fahrt zur Nordküste durch einen langen Tunnel war noch relativ trocken. In Tunneln regnet es ja selten und Wolken sind dort auch keine häufigen Naturphänomene. Aber die Fahrt von São Vicente nach Porto Moniz im äußersten Nordwesten ist trotz endlos vieler Tunnel recht feucht. Und als wir wieder über die Berge – mit Anstiegen, die nur im ersten Gang zu bewältigen sind – in den sonnigen Südwesten zurückfahren, ist alles vernebelt. Über Nebenstraßen keucht der Motor aufwärts und meine bessere Hälfte meint: »Da kommen wir niemals hoch!« Aber wir kommen und haben nur eine Befürchtung: Es kommt uns jemand entgegen. Dann hätten wir nämlich ein Problem – oder der Entgegenkommende. Es kommt uns tatsächlich jemand entgegen, aber der hat vier Beine, einen Schwanz und auf jeder Seite je ein Horn. Eine Kuh. Die macht bereitwillig Platz.


Oben haben wir dann einen herrlichen Blick auf die wabernden Wolkenfelder unter uns.

Jeder anständige Tourist auf Madeira hat gefälligst eine »Levada«-Wanderung zu absolvieren. Das ist eine Wanderung entlang der vielen künstlichen Wasserläufe. Wir sind so anständig, dass wir gleich zwei unternehmen. Die erste, vorbei an riesiger Baumheide, endet allerdings schon sehr bald an einer Stelle, an der das Wasser über etliche Kaskaden abwärts schießt, und der Weg daneben über endlose Stufen in den Himmel führt. Waden und Kniegelenke haben jedoch keinen Bock auf Himmel, also kurven wir über tausend Serpentinen und enge Straßen zur Levada do Rei, einem der schönsten Wanderwege. Auf unserer zweistündigen Wanderung entlang des Wasserlaufs durch gut erhaltenen Lorbeerwald treffen wir keinen König und nur vier oder fünf junge Pärchen, die uns auf dem engen Pfad am Berghang bereitwillig vorbeilassen mit der Bemerkung »Ihr seid ja schneller als wir«. Ich lach´ mich tot!


Die Strecke ist nicht gerade von Touristen überlaufen, da sie schwer zu erreichen ist.

Am letzten Tag haben wir Touristen satt. Es geht auf eine Wanderung über die Halbinsel São Lourenço, die spektakuläre Felsenküste am östlichsten Inselzipfel. Schon der Parkplatz am Ausgangspunkt ist gerammelt voll. Doch es verteilt sich. Der sieben Kilometer lange Weg geht zum Teil auf dem Kamm hoher Klippen entlang, nichts für Leute mit Höhenangst. Endlos führen Felsstufen bergauf und wieder bergab. Neben dem stellenweise einen Meter breiten Pfad fällt die Küste über hundert Meter steil ab. In den Felswänden wechselt sich dunkler Trachyt, das ist abgekühlte Lava und roter Tuff – verkittete Vulkanasche – ab. Ein gewaltiger Anblick. In der gegenüberliegenden senkrecht abfallenden Felswand krabbeln auf halber Höhe bunte Ameisen einen schmalen Steig entlang, der mit Stahlseilen gesichert ist. Die Krabbeltiere entpuppen sich im Teleobjektiv als Touristen. Das bedeutet, auch wir sollen da demnächst entlang laufen.

Die Sonne brennt unbarmherzig vom Himmel. Kein Baum und kein Strauch spendet Schatten. Nach einer knappen Stunde kehren wir um und verzichten auf das Schwindelgefühl in der Felswand.

Dann also lieber noch ein Bad im kalten Ozean und eine Siesta auf der Liege am Pool.


Morgen abend sind wir wieder Zuhause.