Leseprobe aus Kapitel 9, (S. 119-124)

 

  Am nächsten Morgen begleiten uns drei Kamelreiter noch ein ganzes Stück des Weges. Als die Sonne höher steigt, verabschieden sie sich und wir sind wieder allein auf der Piste Richtung Südosten. Wir sind auf halber Strecke zwischen Timbuktu und Bamba und die Sonne brennt unbarmherzig vom wolkenlosen Himmel. Weit und breit sind kein Baum und kein Strauch zu sehen, die Schatten spenden könnten. Nur ein paar trockene Dornbüsche recken ihre kahlen Zweige in den stahlblauen Himmel.

  Wir nähern uns Bamba und zum ersten Mal kommen uns Fahrzeuge entgegen. Wir halten eines an und fragen, ob in der Gegend ein mobiles Krankenhaus der Médecins Sans Frontières zu finden sei.

  Wir haben Glück. Nach wenigen Kilometern würden wir sie am Ufer des Nigers sehen können, wird uns mitgeteilt.

  Dann taucht das Lager rechts von uns am Fluss auf. Vor dem Wagen, der als Krankenstation dient, hat sich eine lange Schlange Einheimischer gebildet: viele Frauen mit Säuglingen und Kleinkindern, aber auch ein paar Männer. Rund um das Lager der Mediziner haben Einheimische Zelte aufgeschlagen.

  Unsere Ankunft erregt Aufsehen. Als ich, diesmal neben Arif und nicht hinter ihm, an den Menschen vorüberschreite, geht ein Raunen durch die Menge.

  »Eine Targia!« klingt es teils furchtsam, teils neugierig. Sie wissen: Die Tuareg nehmen so gut wie nie ihre Frauen mit, sie bleiben meistens zu Hause.

  Als wir näherkommen, geht die Tür der Krankenstation auf. Eine weiße Frau steht im Türrahmen und schaut verwundert erst auf mich dann auf Arif. Sie reißt die Augen auf und führt die Hand vor Erstaunen an den Mund.

  »Bist du das, Arif?« Dann ruft sie über ihre Schulter in die mobile Station:

»Kommt alle her! Arif ist gekommen!«

  Kurz darauf drängeln sich etliche männliche und weibliche Personen in weißen Kitteln in der Türöffnung. Die Frau stürzt auf Arif zu, fällt ihm um den Hals und wirft ihn dabei fast um.

Wir werden in die Station geleitet und es hagelt Fragen.

  »Bist du gekommen, um wieder mitzuarbeiten? Wo kommst du überhaupt her? Wieso begleitet dich eine Targia? Wie hast du uns gefunden?«

  Arif berichtet in Kürze. Als er auf unsere Erlebnisse bei den Tuareg zu sprechen kommt, blickt eine junge Ärztin mich erstaunt an und platzt heraus.

  »Dann bist du gar keine Targia. Aber wieso sprichst du perfekt Tamasheq? Und Bambara? Und Dioula?«

  Sie überlegt einen kurzen Moment. Dann hellt sich ihre Miene auf.

  »Du bist das Sprachengenie, von dem Lucas erzählt hat! Florence?«

  »Ja, Lucas kennt mich als Florence. Tatsächlich heiße ich aber Sophie. Doch das ist eine längere Geschichte. Du sagst, Lucas hat von mir erzählt? Wo ist er eigentlich? Er müsste doch auch hier sein?«

  »Lucas ist vor zwei Tagen fort. Rüber nach Niger. Wir bekamen die Nachricht, dass in einem Dorf südlich des Aïr-Gebirges die Cholera ausgebrochen ist. Außerdem leiden dort viele Kinder an Noma, einer weitverbreiteten Krankheit, verursacht durch Hunger und mangelnde Hygiene.

  Er machte sich mit zwei Fahrzeugen und fünf unserer Leute auf den Weg. Er musste allerdings zuerst zum Flughafen von Niamey. Uns waren einige Medikamente ausgegangen. Dort sollte eine Ladung ankommen. Wir haben dort aber niemanden, der sie in Empfang nehmen kann. Und sie den Behörden zu übergeben, ist zu riskant. Sie würde nicht weit kommen, sondern in den verschiedensten Kanälen versickern. Korruption und Bestechung ist auch in Niger weit verbreitet.

  So, nun richtet euch erst einmal bei uns ein. Wir arbeiten bis zum Dunkelwerden. Dann können wir uns zusammensetzen und ihr müsst uns alles erzählen.«

Am Abend sitzen wir zusammen und Arif erzählt ausführlich. Wenn man seinen blumigen Worten lauscht, klingt es fast so wie die Abenteuer aus den Geschichten von Tausend und einer Nacht. Die gesamte Medizinertruppe lauscht seinem Bericht. Als er geendet hat, wendet sich die junge Ärztin, die uns zuerst begrüßt hat, mir zu und fragt:

  »Lucas hat viel von dir erzählt. Aber wie stehst du eigentlich zu Lucas?«

  »Hm, ich glaube, ich habe mich in ihn verliebt.«

  Überrascht und mit einem ungläubigen Ausdruck im Gesicht platzt sie heraus:

»Du glaubst nur, du hast dich verliebt? Du machst den weiten Weg von Hamburg über Genf, Marokko, dann zur Elfenbeinküste und schließlich nach Mali, wirst fast getötet und von Tuareg gefangen genommen, und dann glaubst du nur, dass du ihn liebst? Also, wenn das nicht Liebe ist, dann weiß ich nicht, was Liebe sonst sein soll.«

  »Sicher hast du recht. Aber ich habe ein Gefühl in dieser Stärke zum ersten Mal. Ich habe noch nie etwas Ähnliches gefühlt. Es verwirrt und verunsichert mich.«

 

  Am nächsten Morgen verabschieden wir uns in aller Frühe. Wir haben uns die genaue Lage des Dorfes geben lassen. Um dorthin zu kommen, müssen wir durch die Hauptstadt Niamey und dann nach Nordosten in den Steppen- und Wüstenteil von Niger.

  Die Fahrt am Niger entlang führt durch dichtbesiedeltes Gebiet. Hier leben 90 Prozent der Nigrer. Wir versorgen uns dann in der Hauptstadt mit Frischwasser, Lebensmitteln und Benzin und machen uns auf den Weg. Die Vegetation wird immer dürftiger, je weiter wir nach Norden kommen, und geht erst in Dornstrauchsavanne, später in wüstenähnliche Steppe und Sandwüste über. Am Horizont sind die ersten Ausläufer des Aïr-Gebirges zu erkennen. Rechts von uns in der Ferne erzeugt die schon etwas tiefer stehende Sonne atemberaubende Licht- und Schattenformationen auf den gewaltigen Sanddünen der Ténéré-Wüste. Unser Fahrer berichtet, dass dieses beeindruckende Naturschauspiel leider nicht mehr überall zu beobachten ist. Inzwischen zerstören chinesische Ölfördertürme an etlichen Stellen das Bild, obwohl diese Wüste zum Weltnaturerbe zählt.

  Wir überqueren die erste, noch relativ flache Gebirgskette und gelangen am zweiten Tag in eine breite Ebene. Dahinter erhebt sich das bis zu 1.900 Meter hohe Zentralgebirge. Auf kurviger, unbefestigter Piste geht es hinunter in die Ebene. Nach einer weiteren Stunde schwebt am Horizont vor uns in der flimmernden Luft ein grünbraunes und silbriges Gebilde. Es sieht aus, als befände sich dort eine Oase oder Wasserstelle. Unser einheimischer Führer reicht mir sein Glas.

  »Schauen Sie mal hindurch. Fällt Ihnen irgendetwas Ungewöhnliches auf?«

  Angestrengt blicke ich auf das flimmernde Gebilde. Dann sage ich:

  »Also, mit viel Fantasie lassen sich Palmen erkennen, aber sie scheinen auf dem Kopf zu stehen.«

  »Das haben Sie völlig richtig erkannt. Es gibt vermutlich eine Wasserstelle mit etwas grüner Vegetation und sie liegt auch in diese Richtung, nur viel weiter weg. Was wir sehen, ist eine Spiegelung an der heißen Luftschicht, eine Fata Morgana. Sie wird wieder verschwinden, wenn wir weiter auf sie zufahren. Aber irgendwann werden wir das Original sehen können. Was wir hier sehen, ist eine echte Fata Morgana. Die meisten Menschen halten bereits silbrig schimmernde aufsteigende Luft am Ende einer Ebene oder Straße für Wasser und damit für eine Oase. Aber dieses Phänomen ist überall zu sehen, auch bei Ihnen in Europa, und hat nichts mit einer Fata Morgana zu tun.«

  Unser Führer behält recht. Nach zwei Stunden Fahrt durch die trockene Hitze erkennen wir Buschwerk und grüne Palmen in der Ferne. Wir nähern uns der Wasserstelle. Schon von weitem sticht uns ein ausgebranntes Fahrzeug ins Auge. Beim Näherkommen können wir den Schriftzug auf dem Lastwagen erkennen: Médecins Sans Frontières. Uns stockt der Atem. Dann sehen wir Leichen.

 

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