Auszug aus Kapitel 2 »Voyager 1«

 

Selena loggt sich in die Kommunikationssysteme ein, um Einzelheiten über die Entwicklung der letzten Jahre herauszubekommen.

Das erste, was sie herausfindet: Es gibt ein seit etwa zwanzig Jahren existierendes Gesetz: Wer Strahler mit Handschuhen bedient, darf sofort erschossen werden. Irgendwann sind sie also dahinter gekommen, dass grünäugige Sklaven die Bedienungssperre überlistet haben und die Unterdrücker mit ihren eigenen Waffen töten. Seitdem konstruiert man die Waffen so, dass sie nur von ihrem Besitzer bedient werden können, der durch seine Fingerabdrücke von der Waffe erkannt wird. So hatte Selena damals auch unsere Strahler konstruiert, die im Gegensatz zu denen der Blauen aber nur betäuben können.

Dann hat es vor Jahren Aufstände gegeben, an denen vor allem Blaue der verarmten Unterschicht und eine große Gruppe von Grünen beteiligt waren. Das könnten Zechs Leute gewesen sein. Zech war ein Anführer der Sklaven, der damals zusammen mit anderen aus seiner Gruppe von meinen Eltern und Viviane mit blauen Kontaktlinsen versorgt wurde, um sich unerkannt unter die Blauen zu mischen. Kontaktlinsen oder andere Sehhilfen sind auf den Planeten unbekannt, da Sehschwäche bei diesen Rassen nicht vorkommt.

Seinerzeit wurde angeregt, alle Sklaven zu töten, doch dann wäre die Wirtschaft der Herrschenden zusammengebrochen, da sie im Wesentlichen auf Sklavenarbeit basiert. Also begnügt man sich damit, die Sklaven anzuketten. Sie dürfen sich nicht mehr frei bewegen.

»Versuchen wir herauszubekommen, ob einige von Zechs Leuten überlebt haben«, schlägt Florian vor. »Sie müssten jetzt 25 bis 35 Jahre älter sein. Unser letzter Besuch ist zwar knapp 20 Jahre her, doch Selena unterlag damals noch der Zeitdilatation. Das hieß, für uns lief die Zeit bezogen auf dieses System langsamer ab.«

 

Wir landen in dem Außenbezirk der Stadt, in dem sich damals das Hauptquartier des Widerstandes befand.

Unsere Haut haben wir dunkel gefärbt, tragen blaue Kontaktlinsen und sind in der örtlichen Mode gekleidet. Darunter tragen wir unsere extrem dünnen schusssicheren Raumanzüge und sind mit Strahlern ausgerüstet, wie allerdings auch fast alle Blauen.

In einem verlassenen Viertel betreten wir den Boden. Die Häuser sind leer und teilweise verfallen. Es gibt kein Grün, von den Straßenbäumen sind nur noch Stümpfe übrig. Die Gegend macht einen trostlosen Eindruck. Vorsichtig bewegt sich unsere kleine Gruppe die Straße entlang, Florian sichert nach vorn, Nadine und Lera zu den Seiten und ich nach hinten.

Unvermutet tritt hinter uns ein Mann aus einer Toreinfahrt und feuert ohne Vorwarnung. Lera fällt von der Wucht getroffen zu Boden, bleibt aber wegen des schusssicheren Anzugs unversehrt. Noch während sie fällt, bricht der Schütze von meinem Strahler betäubt zusammen.

Innerhalb weniger Augenblicke sind wir von zehn Gegnern umzingelt, die ihre Waffen auf uns richten. Ich will gerade meinen Strahler erneut betätigen, da greift mein Vater mir in die Arme.

»Ben, nicht schießen. Ich glaube es sind Grüne!«

»Wie kommst du darauf, sie haben blaue Augen.«

Hastig erklärt Florian.

»Ihr Körperbau ist zu feingliedrig für Blaue und sie bewegen sich viel anmutiger. Außerdem sind ihre Waffen mit Lappen umwickelt.«

Nadine und Florian werfen ihre Waffen fort und heben die Hände. Das ist auch hier das Zeichen, dass man sich ergibt. Ich mache es ihnen nach.

Die Fremden sammeln unsere Strahler ein und fordern uns auf, ihnen zu folgen. Zwei schultern ihren reglosen Mitkämpfer.

Es geht durch verwinkelte Gassen, die wie ausgestorben wirken. Vor einem großen Tor, das sich rechts und links in drei Meter hohen Mauern fortsetzt, machen wir halt. Der Anführer unserer Gruppe spricht mit jemandem durch eine kleine Klappe. Das Tor geht auf und gibt den Blick auf ein prachtvolles Anwesen frei. Hier gibt es Grün in Hülle und Fülle. Alte und große Bäume säumen das Gebäude, der gepflegte und breite Kiesweg, umrandet von kurz geschnittenen Rasenflächen führt in einem großen Bogen zum Eingangsbereich.

»Das ist das Hauptquartier von Zech und seinen Leuten, jedenfalls war es das damals«, flüstert Florian mir zu.

»Maul halten!«, befiehlt einer unserer Begleiter und stößt Florian seine Waffe in den Rücken.

Dann stehen wir vor dem Gebäude. Zum großen Eingangsportal führt eine Freitreppe, die oben in einem breiten Podest endet. Wir müssen unten warten. Das Portal geht auf und heraus tritt eine mit zwei Strahlern bewaffnete Frau Mitte vierzig. Sie ist nicht sehr groß, fast zierlich, aber sehr muskulös und hat eine tiefbraune Haut, schwarze Haare und leuchtend blaue Augen. Ihr selbstsicheres Auftreten lässt auf eine starke Persönlichkeit schließen. Unsere Begleiter begegnen ihr mit großem Respekt. Sie scheint ihr Anführer zu sein und sieht uns von oben herab nur flüchtig an.

»Diese Vier haben Garo beinahe getötet; er regt sich seitdem nicht mehr. Was soll mit ihnen geschehen?«

 Sie schaut uns kurz an und gibt den Befehl:

»Stellt sie an die Gartenmauer und erschießt sie! Und schafft die Leichen fort.«

Dann dreht sie dreht sich um und geht.

Nadine ruft ihr hinterher:

»Aber Aylen, du wirst doch deine Freunde nicht erschießen lassen.«

Die Frau bleibt abrupt stehen und dreht sich um.

»Woher weißt du meinen Namen? Wieso sprichst du unsere Sprache?«

»Erkennst du mich nicht, Aylen?«

Die Frau kommt die Treppe herunter, geht ein paar Schritte auf Nadine zu und schaut auch Florian an.

»Mein Gott! Das glaube ich nicht! Ihr seid die Aliens von damals, Nadine und Florian.«

Mit diesen Worten stürzt sie auf meine Eltern zu und alle drei fallen sich in die Arme. Als sie dann erfährt, dass Lera und ich die Kinder von Nadine und Viviane sind, nimmt sie auch uns nacheinander in die Arme. Dabei drückt sie mich an ihre Brust, bis mir die Luft wegbleibt. Sie ist unglaublich kräftig. Leise sagt sie zu mir:

»Weißt du, dass ich damals in deinen Vater verliebt war? Seine weiße Haut und die braunen Augen wirkten unglaublich anziehend auf mich, aber ich habe natürlich respektiert, dass er zu Nadine gehört.«

Dann sagt sie wieder mit normaler Stimme zu meinen Eltern: »Ihr seht noch genauso aus wie damals. Seid ihr nicht älter geworden?«

Wie sollen wir ihr die Erkenntnisse von Einsteins spezieller Relativitätstheorie erklären. Das wird sie nicht verstehen. Also liefern wir die Erklärung, die meine Eltern schon einmal auf der Erde verwendet haben.

»Aylen. Das ist eine lange Geschichte. Wir sind aus der Zeit gefallen und nur um zwanzig Jahre gealtert, während auf deinem Planeten mindestens dreißig Jahre vergangen sind. Außerdem haben wir eine höhere Lebenserwartung.«

Damit kann sie etwas anfangen.

Als der Betäubte nach einer halben Stunde zu sich kommt und alle feststellen, dass er keine Verletzungen davongetragen hat, ist auch der Rest Gruppe überzeugt, dass wir auf ihrer Seite stehen.

 

Kurz darauf sitzen wir alle im großen Empfangssaal und löchern Aylen mit Fragen. Vor allem wollen wir wissen, was aus ihrem Partner Zech geworden ist.

Aylen erzählt:

»Zech lebt nicht mehr. Er wurde bei dem Aufstand vor 12 Jahren erschossen und mit ihm drei von unseren Leuten, die alle blaue Kontaktlinsen trugen. Die sind unwiederbringlich verloren. Wir versuchten damals, eines ihrer Raumschiffe zu kapern. Das misslang. Wir waren zu wenig und kamen mit unseren Strahlern gegen die schwer bewaffnete Besatzung des Schiffes nicht an. Mit mir haben noch fünfzehn weitere überlebt, die sich mit ihren blauen Kontaktlinsen immer wieder unter die Blauen mischen und versuchen, unter der verarmten Bevölkerung Aufstände anzuzetteln. Wir wickelten Lappen um die Bedienungsgriffe der Strahler und strichen diese in der Farbe des Metalls, dass man es auf den ersten Blick nicht erkannte. Aber wirklich weiter half uns das alles nicht. Die Gegner bemerkten, dass die Todesrate unter ihnen enorm angestiegen war. Dass Blaue umkamen, war normal, sie sind eine sehr aggressive Rasse, deren Mitglieder sich gegenseitig aus dem nichtigsten Anlass umbringen. Aber dies war eine neue Qualität. Glücklicherweise zog man die falschen Schlüsse. Man führte den Anstieg der Todesrate darauf zurück, dass man schon lange keine ernsthaften Gegner mehr hatte, gegen die man Krieg führen und somit seine Aggressivität ausleben konnte. Das ist jedenfalls die offizielle Version. Wir vermuten, dass der äußerst brutal vorgehende Geheimdienst aber mehr weiß.

Dann geschah etwas, das man hier als Glücksfall bezeichnete und in dessen Folge ein neues Raumschiff auf die Reise geschickt wurde. Das Erste war ja verschollen. Man fing in unserem Sonnensystem eine Sonde ein, die vor vielen Jahren von Außerirdischen auf den Weg geschickt worden war. Diese Sonde enthielt eine vergoldete Metallscheibe mit Aufzeichnungen über die Zivilisation der Erbauer, unter anderem auch die Lage ihres Sonnensystems in der Galaxie«.

»Wie kann eine Zivilisation denn so dumm sein, ihre Position in der Galaxie zu verraten?«, platzt Lera heraus.

Ich sehe wie sich Nadine und Florian entsetzt anschauen.

»Was ist los?«, frage ich, »was ist Besonderes an dieser Sonde?«

»Die Sonde kommt von der Erde«, erklärt meine Mutter. »Sie wurde Voyager 1 genannt und enthielt eine ›Golden Disc‹ mit zahlreichen Informationen wie Zeichnungen von der Erde, deren Lage in unserer Galaxie und von den Menschen.«

Meinem Vater kommen Zweifel.

»Das ist unmöglich. Voyager 1 wurde im Erdenjahr 1977 gestartet und befand sich nach 37 Jahren etwa 19,2 Milliarden Kilometer von der Erde entfernt. Bis zum Planetensystem der Blauen hätte sie bei ihrer Geschwindigkeit schätzungsweise 40.000 Jahre gebraucht. Es sind aber, unter Berücksichtigung der Zeitdilatation, gerade einmal weniger als 120 Jahre seit ihrem Start vergangen? Sie müsste auf das fast Fünfhundertfache ihrer Anfangsgeschwindigkeit beschleunigt worden sein.«

Alle schweigen, doch dann hat Nadine die Lösung.»

Es gibt eigentlich nur eine mögliche Erklärung. Ein Raumschiff muss bei seinen Quantensprüngen die Bahn von Voyager 1 gekreuzt haben, ohne es zu merken. Dabei ist die Sonde in den Strudel des Schiffes geraten, der die Raumzeit verformt hat, wodurch Voyager 1 gewaltig beschleunigt wurde. Dieses Schiff kann übrigens nur unseres gewesen sein, denn wir befanden uns damals auf einem parallelen Kurs.«

 

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