Auszug aus Kapitel 1

Lera

 

Lera kann Gedanken lesen! Und jetzt ist alles anders. Ich bin verunsichert und traue mich nicht mehr, ihr zu begegnen. Ich gehe ihr aus dem Weg. Seit zwei Wochen habe ich sie nicht mehr gesehen. Noch nie in unserem Leben haben wir uns zwei Wochen nicht gesehen.

Lera ist meine beste Freundin. Wir sind miteinander aufgewachsen. Ich kenne sie, solange ich denken kann. Wir haben zusammen gespielt, sind durch die Wälder gestreift, haben Höhlen aus Zweigen und trockenem Gras gebaut, haben im Fluss gebadet, und wir gehen zusammen zur Schule und werden bald unseren Abschluss machen. Wir haben herumgetollt und wenn ich ihr beim Toben unabsichtlich wehgetan habe, hat sie mich mit weit geöffneten Augen angeschaut und schien sehr verwirrt. Sie konnte nicht verstehen, wie man jemandem – auch ohne es zu wollen – wehtun kann. Sie hat mir nie wehgetan. Sie war nie so wild, wie ich es manchmal bin. Sie war für mich wie eine Schwester.

 

Es war am Fest des leuchtenden Wassers. Das ist der Tag, an dem einmal im Jahr beide Monde zur gleichen Zeit nebeneinander aufgehen. Dann sorgt eine Algenblüte dafür, dass das Wasser in allen Regenbogenfarben auf der Haut leuchtet. Man badet in Farben. Alle Menschen gehen dann ins Wasser, spritzen sich mit ungezählten bunt schimmernden Tropfen gegenseitig nass, und berühren sich, indem sie sich über die nackte Haut streichen. Auch wir beide waren im Wasser, und als Lera mit ihren Händen ganz sanft über meine Haut fuhr und so tausende von leuchtenden Punkten erzeugte, dachte ich, dass es wunderschön sei, ihre Hand zu spüren. Ich hatte dieses Gefühl zum ersten Mal. Ein unbekannter Schauer durchfuhr meinen Körper. Wir hatten uns schon oft berührt, aber noch nie hatte ich dieses Kribbeln gespürt. Und dann sagte Lera:

»Ich spüre das Gleiche wie du, Ben, und für mich ist es genauso schön.«

 Entsetzt schaute ich sie an.

»Du kannst meine Gedanken lesen. Wieso?«

Lera schaute mich irritiert an.

»Aber das können doch alle!«

»Wieso können das alle? Ich kann es nicht, und meine Eltern können es auch nicht!«

»Das ist doch klar, Ben. Du und deine Eltern, ihr seid keine Menschen wie wir, ihr seid von einem anderen Planeten. Das weißt du doch.«

Da war sie wieder, die Ausgrenzung, die ich immer zu spüren glaubte. Ich war anders als alle meine Freunde, sogar anders als alle Menschen. Da nützte es nichts, zu wissen, dass auch Lera zur Hälfte die fremden Gene hatte, aber die waren rezessiv. Die dominanten Gene ihres Vaters hatten sich zu fast einhundert Prozent bei ihr durchgesetzt.

 

Ich war schon in den ersten Schulklassen anders. Wenn etwas nicht so ganz klappte oder ich mich ungerecht behandelt fühlte, konnte ich richtig wütend werden und schlug manchmal mit meinen kleinen Fäusten gegen die Wand oder sogar auf meine Mitschüler oder den Lehrer ein. Dann schauten mich alle erstaunt an, aber sagten nichts. Ich konnte jedoch fühlen, dass sie mein Verhalten nicht verstanden und es bewusst und deutlich ignorierten. Und ich meinte, in ihren Blicken Mitleid zu erkennen, weil ich anders war. Sie schlugen niemals auf andere ein, auch nicht auf Gegenstände. Auch Lera tat so etwas nie.

Meine Eltern sagten mir dann, es läge daran, dass wir von einer anderen Welt stammten. Sie versuchten, mir mein Verhalten zu erklären. Aber das machte es nur noch schlimmer. Ich wollte so sein, wie alle anderen.

Mit zunehmendem Alter kam ich damit besser klar, immer seltener reagierte ich meine Wut oder meinen Ärger für alle sichtbar ab.

Alle waren stets nett zu mir, niemand sagte jemals etwas zu meinem Verhalten, aber ich hatte trotzdem das Gefühl, nicht normal zu sein.

Und nun hatte Lera diese Wunde wieder aufgerissen.

Ich drehte mich um, rannte davon und verkroch mich zu Hause. Und heulte.

 

Einige Tage später, nachdem ich mich beruhigt hatte, sprach ich mit Mama darüber.

»Ist es wahr, dass alle anderen Menschen Gedankenlesen können und nur wir nicht? Ich meine dich, Papa und mich.«

Meine Mutter schaute mich überrascht an.

»Wer sagt denn so was?«

»Lera hat es gesagt und sie hat wirklich meine Gedanken gelesen.«

»Das kommt darauf an, was du unter Gedankenlesen verstehst. Tatsächlich können die Menschen hier auf telepathischem Wege miteinander kommunizieren. Auch mit uns, aber nur einseitig. Wir können zu ihnen keinen telepathischen Kontakt aufnehmen und du eben auch nicht.«

»Dann bin ich also behindert? Ein Kommunikationskrüppel?«

»Das kann man so nicht sagen. Du kannst zwar nicht aktiv telepathisch mit deinen Mitmenschen kommunizieren, wie es die Menschen dieser Welt können und wie es eben auch Lera kann, da ihr Vater Geaner ist. Und dein Vater und ich können es nicht, ebenso wenig wie auch Viviane, Leras Mutter. Aber die Menschen hier können telepathisch zu dir in Kontakt treten und mit etwas Übung wirst du das erkennen und kannst darauf antworten. Was wir dabei nicht können, ist, so zu sagen den Mund halten. Wir können also den Einblick in unsere Gefühle nicht blockieren. Das ist aber nur ein theoretischer Nachteil. Denn der Umgang mit Telepathie unterliegt hier strengen Regeln. Daher nutzen die Menschen dieses Planeten sie nur selten. Sie unterhalten sich ohnehin lieber in der gesprochenen Sprache, weil sie das für etwas sehr Schönes halten, das auf keinen Fall verkümmern sollte. Die Gefahr bestünde nämlich, wenn man nur noch telepathisch kommuniziert. An diesem Verhaltenskodex liegt es übrigens auch, dass du bisher nichts von dieser besonderen Fähigkeit deiner Mitmenschen mitbekommen hast. Wenn also Lera trotzdem diesen Kontakt zu dir hergestellt hat, kann es dafür nur einen Grund gegeben haben. Ihr müsst euch emotional so nahe gewesen sein, dass ihr der Verhaltenskodex egal war. Die Situation muss emotional sehr aufgeheizt gewesen sein, sodass die natürlichen Sperren, die auch sie hat, versagt haben. Das ist doch etwas sehr Schönes, oder?«

Meine Mutter schaute mich liebevoll an.

»Und was deinen Eindruck der Behinderung angeht, so könnte man genauso gut die Menschen hier als Krüppel bezeichnen, denn ihnen fehlt etwas Wichtiges, was wir vier dagegen haben. Das ist die Fähigkeit, uns notfalls mit Gewalt oder Aggressivität gegen jemanden zu wehren, der uns bedroht. Das müssen die Menschen hier erst mühsam erlernen, denn in ihrer Evolutionsgeschichte gab es keine Bedrohung für sie. Die erfuhren sie erst, als kurz vor deiner und Leras Geburt extrem gewalttätige Wesen mit einem Raumschiff diesen Planeten überfielen und die Menschen zu Tausenden umbrachten.«

Meine Mutter fuhr fort.

»Du siehst, Aggressivität muss nicht immer schlecht sein. Sie ist es sicher dann, wenn sie sich gegen jemanden richtet, der dir nicht ernsthaft schaden will. Sie kann jedoch in extremen Situationen überlebenswichtig sein. Darum wissen auch die Menschen hier und schätzen deine gelegentlichen heftigen Reaktionen richtig ein, jedenfalls die Erwachsenen. Kinder haben da eher Probleme, aber sie werden es lernen.«

Ich schwieg betroffen. Meine Mutter sah mich liebevoll an und nahm mich in die Arme.

»Du bist nicht behindert, du regierst nur manchmal anders. Du magst Schwächen haben und dich unterlegen fühlen, aber du hast auch Stärken, um die dich andere beneiden.«

Mir wurde wieder leichter ums Herz. Meine Mutter schaute mich ernst an.

»Du solltest jetzt zu Lera gehen und mit ihr darüber sprechen. Sie wird es verstehen.«

 

Nun sitze ich allein in meinem Zimmer und denke über die Worte meiner Mutter nach. So habe ich das bisher nicht gesehen. Sie hat sicher recht. Auf jeden Fall ist es falsch, Lera so stehen zu lassen. Nur, ich habe keine Ahnung, wie ich hiernach auf sie zugehen soll.

Doch das Problem löst sich von selbst, als mir Lera später unvermittelt über den Weg läuft. Ich weiß nicht so recht, wie ich anfangen soll. Aber sie nimmt es mir ab. Sie fasst meine Hände und sieht mir tief in die Augen.

»Oh Ben, es tut mir so leid. Ich habe etwas gemacht, was ich nicht darf und man einfach nicht tut. Es gehört sich nicht, in den Kopf von anderen zu schauen. Aber ich war so aufgewühlt, als wir uns berührten. Noch nie habe ich mich dir so nahe gefühlt und dann bin ich dir ungewollt zu nahe gekommen. Kannst du mir verzeihen?«

Natürlich verzeihe ich ihr.

 

Es scheint alles wieder gut zu sein, bis wir in der Schule an die jüngste Geschichte unseres Planeten angeschlossen werden. Da ist sie wieder, die Ausgrenzung, die ich schon früher fühlte, nur diesmal mit anderem Vorzeichen. Auf einmal werde ich bewundert, denn nun wissen alle meine Freunde und Mitschüler, dass Leras und meine Eltern diesen Planeten vor den Invasoren gerettet haben. Plötzlich sind wir etwas Besonderes. Doch das behagt mir überhaupt nicht. Ich will nicht bewundert werden für etwas, das ich nicht getan habe, und für meine Eltern kann ich nichts. Und dann fühle ich mich wie ein Monster, denn in diesem Zusammenhang wird bekannt, dass ich in der Lage bin zu töten. Das kann sonst niemand. Ich würde zwar nur in äußerster Not töten, nämlich dann, wenn mein Leben bedroht ist und es keinen anderen Ausweg gibt, aber es ist möglich. Die Menschen dieses Planeten können sich nicht wehren, haben es nie gemusst. Ihre Evolutionsgeschichte war so. Seit Jahrmillionen haben sie keine Feinde mehr, gegen die sie sich verteidigen müssen. Als in ihrer jüngsten Geschichte Fremde auftauchten, die so aggressiv waren, dass für sie das Quälen oder Töten ein Genuss war, hatten die Bewohner hier ihnen nichts entgegenzusetzen. Viele Tausende von ihnen wurden umgebracht. Erst mit Hilfe meiner Eltern und Leras Mutter, die dank ihrer Herkunft eine Gegenwehr aufbauen konnten, wurden die Fremden überwältigt.

 

Ein paar Wochen später erfahren wir dann etwas über den Planeten, von dem meine Eltern und Leras Mutter abstammen. Das ist erst einmal ein Schock. Die Menschen dieses Planeten mit Namen Erde sind mehrheitlich aggressiv, egoistisch, süchtig nach Macht und geldgierig. Soweit bekannt ist, sind sie gerade dabei, ihre eigene Lebensgrundlage zu zerstören, indem sie ihren Planeten rücksichtslos ausbeuten. Natürlich gibt es dort auch Menschen, bei denen diese Eigenschaften weniger stark ausgeprägt sind. Dazu gehören Leras Mutter Viviane und meine Eltern Nadine und Florian.

Aus diesem Grund sind die Menschen unseres Planeten Gea dabei, eine Hülle um unser Sonnensystem zu installieren, die uns für Fremde unauffindbar machen wird. Sollte dieses System versagen, baut man inzwischen sogar Verteidigungswaffen, an deren Entwicklung meine und Leras Eltern beteiligt sind. Außerdem hat man vor Jahren getarnte Satelliten sowohl im Planetensystem der »Blauen«, wie die aggressiven Invasoren genannt werden, als auch nahe der Erde installiert, um die Entwicklung dort zu beobachten.

 

Dann geschieht etwas, das den gesamten Planeten in Aufregung versetzt: Eine junge Frau aus einem abgelegenen Dorf am Meer wird tot aufgefunden. Sie ist offensichtlich durch Fremdeinwirkung zu Tode gekommen, nachdem sie zuvor vergewaltigt wurde. Das ist auf diesem Planeten eigentlich unmöglich, die Menschen hier können nicht töten. Es gibt nur vier Menschen, die dazu in der Lage sind: meine Eltern und ich sowie Leras Mutter. Wir sind jedoch nie in die Nähe des Tatortes gekommen. 

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