Leseprobe »Der Totenleser«
K war an diesem Sonntagmorgen früh aufgestanden. Das war ungewöhnlich. Er nutzte das Wochenende meist, um auszuschlafen. Ihn hatte eine innere Unruhe gepackt, die er sich nicht erklären konnte. Was er nicht wissen konnte, war, dass dieser Tag sein Leben vollständig umkrempeln sollte. Sein bisheriges Leben war ohne große Höhen und Tiefen verlaufen. Er hatte einige längere Beziehungen hinter sich, die aber in die Brüche gegangen waren. Warum, das wusste er nicht, im Gegensatz zu den jeweiligen Partnerinnen, die glaubten, es genau zu wissen. Aber die wussten sowieso immer alles besser. Immer wieder musste er sich anhören, er sei nicht beziehungsfähig. Aber das stimmte nicht. Schließlich hatten einige seiner Beziehungen mehrere Jahre gehalten. Er konnte es nur nicht ertragen, wenn die Frauen ihm zu dicht auf den Pelz rückten und bestimmen wollten, was gut oder nicht gut für ihn wäre.
K sah auf die Uhr. Es war sieben. Um diese Zeit hatte sein Lieblingscafé gleich um die Ecke bereits geöffnet, da es einer Bäckerei angegliedert war. Dort könnte er sein Frühstück zu sich nehmen, die Zeitung lesen und Menschen beobachten.
Tatsächlich war um diese Zeit im Café noch nicht viel los. Er nahm an einem Tisch auf dem Bürgersteig mit dem Rücken zum Fenster Platz, ließ sich Kaffee und ein Croissant bringen und vertiefte sich in die Zeitung, die er unterwegs am Kiosk erstanden hatte. Normalerweise setzte er sich nach drinnen; draußen war es zu laut. Aber jetzt am Sonntag war kaum etwas los auf der Straße. Es war angenehm ruhig.
Kaum hatte er den ersten Artikel gelesen, in dem berichtet wurde, dass die Zollfahndung eine Ladung von etlichen Kilogramm Heroin im Hafen beschlagnahmt hatte, als sich eine Gruppe von drei jungen Frauen laut schnatternd und kichernd dem Café näherte. K fühlte sich gestört und sah unwillig auf. Tatsächlich war von den Damen kaum etwas zu sehen, denn alle drei schleppten jeweils eine etwa eineinhalb Meter hohe, palmenartige Pflanze vor sich her, die ihre Gesichter und Oberkörper fast vollständig verdeckte. Die drei stellten die Pflanzen auf dem Boden ab und nahmen laut palavernd und immer wieder kichernd an Ks Nachbartisch Platz. Es war deutlich zu sehen und zu hören: Sie hatten reichlich dem Alkohol zugesprochen. Vermutlich hatten sie einen Mädelsabend verbracht der zu einer kompletten Mädelsnacht ausgeartet war. Als Abschluss waren sie dann über den Fischmarkt am Hafen geschlendert und hatten dort die Pflanzen – wie sie sagten – billig geschossen.
Kaum saßen sie, als sie lauthals über die Vor- und Nachteile ihrer jeweiligen Partner herzogen. Sie waren dabei so laut, dass K ihre gesamte Unterhaltung mit anhören musste. Die gipfelte dann in der Aussage der einen, die meinte, ihr Partner hätte zwar einige heftige Macken, aber die gewöhne sie ihm noch ab.
Das erinnerte K an einige seiner eigenen Beziehungen, in denen sich die jeweiligen Partnerinnen manchmal ähnlich äußerten. Das brachte ihn regelmäßig auf die Palme. Solch ein Spruch war oft der Grund warum er eine Beziehung beendete.
Nach einer guten halben Stunde erinnerten sich die drei daran, dass sie eigentlich nach Hause wollten und ließen ein Taxi kommen. Das fuhr vor, die Damen verschwanden und es kehrte wieder Ruhe ein.
Die Ruhe wurde gestört durch einen Knall. Die Fehlzündung eines Autos? Oder etwa ein Schuss? Dann ein Schrei! K ließ die Zeitung fallen. Auf der Straße rechts vor ihm lag eine junge Frau auf dem Boden. K sprang auf, der Stuhl kippte nach hinten weg, und rannte auf die Straße – hin zur Frau. Sie lag mitten auf der Fahrbahn. Auf ihrer linken Brustseite breitete sich ein roter Fleck aus. Blut. Er beugte sich über sie und fühlte ihren Puls. Nichts. In diesem Augenblick geschah etwas Merkwürdiges.
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