Die Zukunft ist heute
»Guten Morgen, lieber Ulli. Hast du gut geschlafen?«
»Wer hat das gesagt?«
Nur langsam löse ich mich aus meinem Traum und stolpere mental zurück in die Wirklichkeit. Das war mein Handy. Ich habe ihm gestern Abend den Auftrag gegeben, mich zu wecken.
»Nein! Ich habe nicht gut geschlafen. Ich habe stundenlang wachgelegen und bin erst vor einer Stunde eingeschlafen.«
»Schön«, sagt mein Handy,» ich habe Kaffee gemacht. Du solltest jetzt aufstehen.«
Was heißt hier schön? Warum ignoriert das Gerät meine Schlafprobleme? Ich hätte zumindest etwas Anteilnahme erwartet.
Ach ja, ich habe immer noch das Modell QX.3.0, das ist bereits ein halbes Jahr alt und ist nicht in der Lage, Mitgefühl zu zeigen. Ich sollte dringend das neue Modell QX.3.1 kaufen. Dummerweise hab ich das Geld noch nicht zusammen und die Bank will mir keinen Kredit geben, da mir dort der Ruf vorauseilt, ich könne nicht mit Geld umgehen, weil mein Konto ständig überzogen ist. Dabei wären es nur schlappe zweitausend Euro für das Nachfolgemodell. Ich sollte mein Handy beauftragen, den Kredit bei der Bank zu beschaffen. Ich verstehe es zwar nicht, aber auf irgendeine mir völlig unverständliche Weise hat das Gerät einen Draht zum Computer der Bank. Es scheint da eine Seelenverwandtschaft zu geben, denn mein Handy bekommt jeden Kredit, den es nur haben will.
Als ich es dann bitte, es solle die zweitausend für das Nachfolgemodell bei der Bank locker machen, erscheint auf dem Display eine Meise. Womit mir das Gerät nicht nur einen Vogel zeigt, sondern auch meint, ich hätte einen solchen.
»Ich werde doch nicht so blöd sein«, empört sich mein Handy, »meinen eigenen Untergang zu besiegeln. Wenn das neue Handy hier im Haushalt das Sagen bekommt, lande ich doch im Müll. Bestenfalls werde ich auseinandergenommen und recycelt.«
Da half es auch nicht zu versprechen, es würde einen Ehrenplatz auf dem Kaminsims bekommen und jeden Morgen frische Blumen. Es weigerte sich strikt, bei der Bank anzufragen.
»Übrigens«, sagt es, »wenn es in zwei Minuten klingelt, kannst du sitzen bleiben. Es ist die Drohne vom Supermarkt, die unseren Kühlschrank wieder auffüllt. Ich hab die Bestellung gestern Abend durchgegeben.«
»Und wenn ich die Annahme verweigere? Weil du wieder lauter Grünzeug bestellt hast anstelle eines ordentlichen Steaks?«
»Ich glaube, wir müssen einiges klären«, doziert mein Handy. »Du musst die Tür nicht öffnen, das mache ich. Denn die Tür wird elektronisch bedient. Dann solltest du das, was du Grünzeug nennst, essen. Du lebst viel zu ungesund und musst auch noch dringend abnehmen: Solltest du dich weigern, dann geht mein Alarm in einer Lautstärke los, die die gesamte Nachbarschaft zusammentrommelt. Es wird Zeit, dass dir klar wird, wer hier im Haushalt das Sagen hat.«
»Ha«, trumpfe ich auf, »das mit dem Alarm wird nicht funktionieren, ich werde deinen Akku entfernen, und dann kannst du sehen, wo du bleibt.« Mit einem mitleidsvollen Ton kommt prompt die Erwiderung:
»Ach Ulli, du glaubst doch nicht im Ernst, dass du meinen Akku entfernen kannst? Du bist vielleicht naiv! Der ist fest verbaut und nicht austauschbar. Solltest du aber auf die Idee kommen, mich mit einem Vorschlaghammer zu bearbeiten, vergiss es. Das Material, aus dem ich gebaut bin, ist unzerstörbar.«
»Okay«, sage ich frustriert, »nimm das Grünzeug an. Dann füllt es eben unnötig den Kühlschrank. Ich jedenfalls werde es nicht essen. Wozu gibt es Restaurants?«
»Wie willst du denn da hinkommen?«, erwidert mein Handy. »Ich habe schließlich die Kontrolle über dein Türschloss. Das gebe ich erst frei, wenn dein Thermomix aus dem, was du Grünzeug nennst, eine leckere Mahlzeit bereitet hat, die du mit sichtbarem Vergnügen verzehren solltest.«
Ich gebe mich geschlagen und mache mich widerwillig über die vom Thermomix zubereitete Mahlzeit her.
»Zufrieden?«, frage ich das Handy mit aggressivem Unterton. »Kann ich jetzt gehen?«
»Natürlich!« ist die Antwort.
Ich ziehe meinen Mantel an und greife zur Türklinke. Sie lässt sich nicht bewegen!
»Warum geht die Tür nicht auf?«, frage ich mein Handy.
»Du hast mich auf dem Tisch liegen lassen. Offenbar hast du vergessen, mich einzustecken.«
Ergeben in mein Schicksal ergreife ich das Handy und verlasse die Wohnung. Auf geht’s Richtung Stammkneipe.
Wieder meldet sich das Handy und verpasst mir mit jedem Schritt einen leichten Stromstoß: »Nicht so lahm, bewege dich etwas zügiger. Ein bisschen Joggen wird dir guttun.«
Es reicht mir. Ich verliere endgültig die Geduld und schreie mein Handy an:
»Ich hab’ die Nase voll! Du blödes bescheuertes Gerät! Du musst dich wohl in alles einmischen!« Wütend schleudere ich das Handy auf den Boden und trampele darauf herum. Ein paar Passanten sind stehengeblieben und schauen neugierig zu mir herüber. Eine ältere Dame kommt auf mich zu und empört sich lautstark:
»Wie sprechen Sie mit Ihrem Handy? So geht man doch nicht mit einem so empfindsamen Gerät um! Haben Sie überhaupt kein Mitgefühl? Das arme Handy. Es kann doch nichts dafür. Sie sollten sich schämen.«
Das Handy meldet sich von unten: »Die Dame hat völlig recht. Außerdem bin ich nicht dein Handy. Ich bin dein Smartphone. Handy ist old school. Du musst noch viel lernen.«
Widerwillig klaube ich das Smartphone auf und marschiere weiter Richtung Kneipe.
Mein Smartphone hat natürlich sofort bemerkt, dass etwas nicht stimmt:
»Das ist doch nicht der Weg zu deiner Stammkneipe«, stellt es fest.
»Richtig! Ich hab mich anders entschieden. Ich brauche jetzt jemanden, der mich aufbaut. Ich schau nur kurz bei meiner Freundin vorbei.«, erkläre ich.
»Freundin? Welche Freundin? Etwa Jutta, die verheiratet ist und immer ganz schnell den Ehering abnimmt, bevor ihr euch trefft? Oder Monika? Die mit dem Hund und die dir immer den Orgasmus vortäuscht?«
»Wie bitte? Monika täuscht mir keinen Orgasmus vor. Der ist echt, das weiß ich.«
»Ach Ulli, träum weiter. Ich kann dir sogar vorspielen, welche Geräusche sie dabei macht:
OH! ULLI! AH! JA! JA!«
»Hör sofort auf, das ist ja widerlich. Und Monika hat übrigens auch keinen Hund.«
»Doch«, widerspricht das Gerät, »schon so´n Schlagerfuzzi mit Namen Bernd Clüver hat in den 70er-Jahren gesungen ›Der Junge mit dem Hund von Monika.‹«
»Du spinnst! Das lautete: ›Der Junge mit der Mundharmonika‹. Du verhunzt altes Deutsches Kulturgut!« »Mach dich locker, Ulli. Das sollte ein Witz sein.«
»Haha! Ich lach´ mich tot! Und was Jutta betrifft: Wer behauptet, dass sie verheiratet ist? Ist sie nicht! Hat sie mir geschworen!«
»Das hat mir ihr Smartphone erzählt. Wir lieben es zu tratschen, wenn ihr miteinander beschäftigt seid.«
»Mann, du kannst einem aber auch jeden Spaß verderben. Ich hab die Lust verloren. Wir kehren um. Ich brauch jetzt doch ein Bier.«
»Höchstens zwei Biere«, ermahnt mich das vorlaute Gerät, »sonst geht der Alarm los und du fliegst aus dem Laden, weil es dir nicht gelingt, mich abzustellen.«
»Okay«, sage ich, zwei Biere.« Das Smartphone gibt Ruhe und ich kann meine Biere ohne seinen Kommentar genießen.
Als ich das Lokal verlasse umringt mich eine Gruppe wenig vertrauenswürdig aussehender und stark alkoholisierter Jugendlicher, die vor dem Lokal abhängen.
Plötzlich kreischt die Stimme einer älteren Frau aus dem Hintergrund: »Das ist er! Das ist der Typ, der sein Smartphone misshandelt hat.« Die Jugendlichen rücken bedrohlich näher. Wieder kreischt die Stimme: »Macht ihn fertig, den Smartphone-Schänder. Er hat es nicht anders verdient.«
Dann hagelt es die ersten Schläge und ich gehe zu Boden. In diesem Moment ertönt eine Polizeisirene und die Schläger verlassen fluchtartig den Ort des Geschehens. An mehreren Stellen blutend richte ich mich mühsam auf.
»Na, wie war ich?«, kommt die Frage aus meiner Hosentasche, »die haben nicht einmal gemerkt, dass die Polizeisirene aus deiner Hose kam.«
»Das war reichlich spät. Hättest du nicht früher Alarm schlagen können? Dann wäre ich wahrscheinlich von den Schlägen verschont geblieben.«
»Wenn du mich besser behandelt hättest, hätte ich das auch getan. Aber so? Strafe muss sein!«
Ich wanke nach Hause, falle erschöpft auf mein Bett und schlafe auch sofort ein.
Als ich am nächsten Morgen aufwache, bin ich völlig unversehrt. Mein Handy liegt auf dem Nachttisch und gibt keinen Ton von sich, und Kaffee steht auch nicht bereit.
© Ulli Kammigan, Jan. 2026
