Das Krankenhaus am Rande des Wahnsinns
Ich möchte euch eine Geschichte erzählen, die mir jüngst im Krankenhaus am Rande der Stadt passiert ist. Es ist alles im Wesentlichen so geschehen. Wenn auch stark übertrieben. Aber von Übertreibungen lebt Satire.
Alles fing damit an, dass mein Augenarzt feststellte, dass die Wimpern meines unteren Augenlides zum dritten Mal innerhalb der letzten sechs Jahre sich entschieden hatten, nach innen Richtung Auge zu wachsen und auf der Hornhaut zu scheuern anstatt, wie es sich für ordentliche Wimpern gehört, nach außen. Bisher hatten verschiedene Ärzte einfach ein Stück vom Lid weggeschnippelt und mit Kreuz- oder Hexenstich, ich weiß es nicht genau, wieder zusammengenäht. Das half dann für einige Jahre. Doch diesmal meinte mein Augenarzt wir sollten Nägel mit Köpfen machen – und das am Augenlid?! Er könnte mir die Wimpern einfach ausreißen, etwa so wie die meisten Frauen sich die Bein- und anderen Haare an unerwünschten Körperstellen per Epilation entfernten.
Die wachsen oft allerdings wieder nach. Aber er kenne da einen Arzt im Krankenhaus am Rande der Stadt, der hätte ein Gerät zum Epilieren, das die meisten Haarwurzeln mitentferne. Bis ich dort einen Termin bekommen würde, könne er mir die Wimpern mit der Pinzette einzeln ausrupfen. Das piekse zwar etwas, aber ich hätte erst einmal Ruhe, bis sie in etwa vier Wochen wieder nachgewachsen seien und sich über meine Hornhaut hermachten.
Also marschierte ich ins Krankenhaus zur Vorbesprechung und zwecks eines Termins zum Haare-Ausraufen. Nach einer Wartezeit von zirka vier Stunden wurde ich eingedeckt mit einem großen Stapel Papiere, von denen ich etliche freiwillig zu unterschreiben hätte. Das tat ich dann äußerst freiwillig, da man mir andernfalls die Operation verweigern würde. Ich unterschrieb also und bekam die Order am Operationstermin in vier Wochen wieder aufzuschlagen. Und zwar zu nachtschlafender Zeit in der ich normalerweise meine REM-Tiefschlafphase hatte.
Im Krankenhaus angekommen musste ich feststellen, dass eine beträchtliche Menge weiterer Patienten aus dem Tiefschlaf gerissen worden waren und nun das Wartezimmer bevölkerten. Ich mischte mich also unters Volk und wurde kurze Zeit später von einer rabiaten Krankenschwester abgekanzelt, weil ich den Teil der zu unterschreibenden Zettel an der falschen Stelle abgegeben hätte. Mein Einwand, woher ich das hätte wissen sollen, ließ sie nicht gelten. Das wisse man eben als gedankenlesender Patient eines Krankenhauses am Rande der Stadt.
Nachdem sie ihre Schimpftirade abgearbeitet hatte, durfte ich mich wieder zur Meute der aus dem Schlaf gerissenen und nun wartenden Patienten gesellen.
Jetzt geschah erst einmal stundenlang – nichts.
Bis ein älterer Herr vorschlug, um ins Gespräch zu kommen, einen Wettbewerb zu starten: Wer könne die längste Wartezeit vorweisen. Nun wurde auch der letzte Schläfer wach und man überbot sich gegenseitig. Wen wunderte es, dass der Herr, der das Spiel vorgeschlagen hatte, als Gewinner hervorging. Er konnte sechs Stunden vorweisen. Doch eine der Damen legte Einspruch ein. Sie hätte als Dauerpatientin in diesem Raum schon mehr Zeit verbracht als zu Hause in ihrem Wohnzimmer. Daher gebühre ihr der Sieg.
Die Erwähnung ihres Zuhauses wiederum rief einen weiteren älteren Herrn auf den Plan, der sich daran erinnerte seinen Schlafsack zu Hause vergessen zu haben. Den wollte er aufgrund seiner Erfahrungen beim letzten Termin mitnehmen.
Nun legte man richtig los. Jeder erzählte von seinen Erfahrungen mit dem Krankenhaus am Rande der Stadt. Erfahrungen, die letztlich alle auf dasselbe hinausliefen, nämlich dass man hier mit dem Zeitmanagement wohl mächtig auf dem Kriegsfuß stehe.
Doch auch das ging irgendwann vorüber, und um die Mittagszeit hörte ich meinen Namen von einer Verwaltungsangestellten auf dem Flur rufen. Sie geleitete mich zu einem Umzugsraum, wo ich mich bis auf die Unterwäsche ausziehen sollte und einen hinten offenen grünen Kittel sowie einen Plastiküberzieher für Haare und Schuhe anzulegen hatte. Schließlich sollte ich ja am Auge epiliert werden. Ich erhielt noch den, Hinweis, dass schlimmstenfalls die eine oder andere Wimper doch wieder nachwachsen und mir Ärger bereiten könnte. Was ich natürlich schnellstens verdrängte. Dann wurde ich auf einem Krankenwagen in einen OP-Vorbereitungsraum geschoben, vermutlich weil es sich mit Plastiküberziehern an den Füßen schlecht laufen lässt.
Der Raum war bereits überfüllt mit Gestalten auf ihren rollenden Betten. Diese wurden immer wieder hin und her geschoben, um Platz für Neuankömmlinge zu schaffen. Irgendwann ging auch das nicht mehr und die Transportassistenten guckten verzweifelt aus der Wäsche.
Sie taten mir leid und ich schlug vor, jedes Bett doppelt zu belegen. Ich würde auch gern für eine junge Frau etwas zur Seite rücken. Aber statt auf meinen Vorschlag einzugehen, verpasste man mir eine Beruhigungsspritze sowie eine weitere für die örtliche Betäubung.
Nach etwa einer Stunde wurde mein Bett, in dem ich immer noch solo herumlag, von einer Pflegerin in den Vorhof zur Hölle geschoben. Das war ein winzig kleiner Raum mit zwei Türen an den gegenüberliegenden Seiten, der gerade mal Platz für ein Bett ließ. Die Einsamkeit hier wurde gelegentlich von einer Krankenschwester, manchmal auch von einem Krankenbruder unterbrochen, die eiligen Schrittes den Raum durchquerten und hinter einer der beiden Türen wieder verschwanden.
Manchmal vergaßen sie, die Tür zu schließen, und ich erhaschte einen Blick in die OP-Hölle. Dort fummelte der Operateur an den Augen eines Mannes herum, der aber ganz friedlich in seinem Bett lag. Das beruhigte mich. So schlimm konnte es also nicht werden, dachte ich in meinem jugendlichen Leichtsinn. Das mit »jugendlich« war natürlich gelogen.
Ich wurde wenig später in den freigewordenen Raum geschoben, und es wurde nicht so schlimm, sondern viel schlimmer.
Die OP-Hölle entpuppte sich als Folterkammer.
Wegen der langen Wartezeit hatte die örtliche Betäubung vermutlich ihre Wirkung verloren. Als der Arzt anfing, eine Nadel in mein unteres Lid zu bohren, schrie ich Zeter und Mordio. Mein Geschrei muss dem Operateur wohl bald auf den Zeiger gegangen sein, denn er gab die Order an die OP-Schwester aus, mir ein schnell wirkendes Betäubungsmittel auf die Augen zu sprühen.
Doch da muss sie sich vergriffen haben. Denn das angebliche Betäubungsmittel verursachte eine Verschlimmerung des schon vorher unerträglichen Schmerzes. Mein Gezeter steigerte sich zu einem Crescendo, das sämtliche Gläser im Raum zum Klirren brachte.
Irgendwann war auch das überstanden, die Gläser beruhigten sich wieder, und ich konnte den Höllenschlund verlassen, nachdem man mir meine Klamotten wieder ausgehändigt hatte. Mein linkes Auge zierte nun ein dicker weißer Verband, unter dem sich später ein blaues und geschwollenes Auge, auch als Veilchen bekannt, zeigen sollte. Dummen Fragen aus meinem Bekanntenkreis begegnete ich dann mit der Ansage, ich hätte mich mit meinem Augenarzt geprügelt. Aber das war eine billige Rache und natürlich auch gelogen.
© Ulli Kammigan, Februar 2026
